Die Corona-Tagebücher, Teil 1 („Anfänge“)

in Die Corona-Tagebücher

Eine Auswahl aus den Einträgen von: Helena Adler, Bettina Balàka, Birgit Birnbacher, Ann Cotten, Nava Ebrahimi, Valerie Fritsch, Monika Helfer, Lucia Leidenfrost, Christian Mähr, Benjamin Quaderer, Julya Rabinowich, Angelika Reitzer, Kathrin Röggla, Thomas Stangl, Michael Stavarič, Daniel Wisser. [PDF der Gesamtexte]

Birgit Birnbacher, 11.03.2020
ein freund hat immer gesagt, eine erscheinung im frühjahrsprogramm sei eine schlechte idee. aus gegenwärtiger sicht würde ich zustimmen.

Thomas Stangl, 12.3.2020
Soll ich dieses Tagebuch schreiben, jetzt auch den Ausnahmezustand ausbeuten? Ich würde mich freuen, wenn nichts passiert, nichts Aufschreibenswertes: heute gelesen, dies oder das, geschrieben, mit dem Kind gespielt oder gelernt usw. Das angemessene Ende eines Tagebuchs – vor allem eines Krankheitstagebuchs – ist im Übrigen das Ableben des Autors, das sollte man bedenken, bevor man ein Tagebuch beginnt. Allerdings ist diese Krankheit seltsam abstrakt und nicht die meine. Ich beginne das Tagebuch.

Lucia Leidenfrost, 12.3.2020
In Mannheim hat es 13 Grad. Es blühen die Bäume, rosa, gelb, weiß, es knospet an allen Enden und vielleicht ist es schon Heuschnupfen, was die Leute da vor mir niesen lässt. Ich sage mir: „Es ist schon der Heuschnupfen oder der normale Schnupfen und gegen Grippe ist die Gesellschaft gewappnet und geimpft!“

Michael Stavarič, ohne Datum
Das Existenziellere beschäftigt mich ehrlich gesagt gerade mehr – es ist das erste Monat seit Ewigkeiten, in dem ich kein Einkommen habe. Und eigentlich (nach 4 Jahren Arbeit an einem Roman, sehr vielen ausgemachten Lesungen und Presse/PR-Veranstaltungen) sollte gerade jetzt das frisch erschienene Buch finanzielle Mittel in die leeren Kassen spülen. Das kann ich so jetzt mal vergessen. Die Politik verspricht und sichert der Wirtschaft Milliardenhilfen zu. Auch uns Künstlern, kleinen kreativen Einzelunternehmern und vergleichbaren Werktätigen? Bislang ist davon nicht wirklich glaubhaft die Rede. Ich stelle also eine kleine Theorie auf: Ich werde von Pontius zu Pilatus laufen müssen, und überall werde ich an irgendeine andere Stelle verwiesen. Das überprüfe ich jetzt, denk ich mir.

Bettina Balàka, ohne Datum
Wie so oft brauchte ich eine Therapiestunde, um festzustellen, ob ich spinne oder die anderen. Wie praktisch, immer stellte sich heraus, dass die anderen spinnen, einschließlich meiner Therapeutin. „Kein Händeschütteln?“, sagte sie, zog eine Augenbraue hoch und die Hand zurück. „Solche Angst haben Sie?“ „Ich möchte mich ehrlich gesagt auch nicht auf die Couch legen“, sagte ich. „Obwohl jeder Patient ein eigenes Pölsterchen bekommt?“, lächelte sie. „Man kann auch neben das Pölsterchen husten“, sagte ich schuldbewusst und setzte mich auf den Fauteuil, ohne die Armlehnen zu berühren.

Valerie Fritsch: Die Welt im Menschenvakuum, ohne Datum
Nie kann man glaubwürdiger und ungestrafter und huldvoller sagen als im Ausnahmezustand: Alles wird gut, und so manch einer scheint nur darauf gewartet zu haben, dass es endlich schlecht genug ist. Ein Regisseur steht am Fenster, und denkt, Es ist die Katastrophe, die ich mir immer gewünscht habe. Man übt die Aussetzung der Normalität. Es beginnt langsam. Man trainiert für den Stillstand. Man reißt die Augen auf, erkennt alles, und staunt es im Fremd-Werden an. An den Orten der Massen herrscht Menschenvakuum. Surreale Bilder wachsen in die Leere. In den Kirchen fehlt einmal nicht nur Gott, aber auch seine Gläubiger mit den in den Himmel wachsenden Forderungen bleiben aus. Es gibt Geisterspiele, Fußballsiege und -niederlagen ohne Applaus, aber vor abertausenden leeren Stühlen, und einem Schweigen. Ein leises Niesen am Gehweg genügt, dass der Entgegenkommende die Straßenseite wechselt.

Monika Helfer, 13.3.2020
Freitag, der 13., an so einem Tag habe ich geheiratet, also, nach achtunddreißig Jahren – ausgeschrieben, für mich der beste Tag, ich muss meine Gedanken ordnen. Für viele Menschen gilt Freitag, der 13. ja als Unglückstag. Ich jedenfalls bin da nicht dabei.
Corona, ich nenne ihn C, wahrscheinlich ist es ein Kind, weil es ja sächlich benannt wird. Dieses Kind ist ein Geist, und es sitzt mir im Rücken, ich sage nicht „Nacken“, das würde bedrohlich klingen. Ich muss mich mit diesem Geist anfreunden. Sage zu ihm, komm, setz dich, was kann ich dir anbieten. Es ist jetzt 5.49 Uhr, mein lieber Mann wird mich in drei Stunden zum Frühstück wecken. Was heißt, wecken, lange schlafe ich schon nicht mehr, aber es ist schön, ihn unten in der Küche zu hören. Michael und Radio, Nachrichten – Corona-Nachrichten, wieder 5, wieder 10 Tote irgendwo. Schrecklich ist mir die Vorstellung, im Krankenhaus zu landen, niemand dürfte mich besuchen, ich würde sterben, ganz verlassen, noch schrecklicher die Vorstellung, meinem Mann würde das gleiche passieren. Wahrscheinlich nicht meinen Kindern, die sind noch zu jung zum Sterben. Wir leben zu zweit, mein Mann und ich. In einer Nussschale.

Angelika Reitzer, ohne Datum
Kaiser hält sich inkognito an einem geheimen Ort auf und erzählt sein Leben und wie durch das Mittel Sprache eine/seine Welt entsteht. Das habe ich geschrieben nach der Lektüre von rund 50 Seiten aus Benjamin Quaderers Debütroman „Für immer die Alpen“, den ich in ein paar Tagen im Grazer Literaturhaus vorgestellt hätte. Die Veranstaltung ist aus Gründen (Versuch der Eindämmung dieses neuartigen Virus) abgesagt worden. Erst im Lauf des Romans und im Lauf der vergangenen Woche konnte ich nachvollziehen, was genau Quaderer nicht vermitteln konnte, nämlich wie es seiner Figur geht, was sie fühlt, wer sie ist: unbekannt an einem einsamen Ort.

Thomas Stangl, 13.3.2020
Aufwachen: dieser Schleim in meiner Kehle, ist das normal? Diese Schwere in den Muskeln? Diese Hauttemperatur. Auf Signale der inneren Organe warten, es gibt keine Signale der inneren Organe, gut.

Daniel Wisser, 13.3.2020
Zu meinen bleibenden Kindheitserinnerungen gehören romantische oder eher romantisierte Katastrophenszenarien. Als Erwachsener verstand ich, dass das kindliche Gemüt die Sorgen, Ängste und Qualen der Isolation nicht kannte und unterschätzt hat. Dennoch muss ich sagen, dass solche Situationen meine Lieblingsszenarien geblieben sind.
Der Grund für meine Isolation ist aber gar kein ideologischer, sondern die Neigung, meinem kindlichen Impuls zu folgen. Immer schon wollte ich eine Prosaminiatur über Beethoven schreiben. Seit Jahren klappt es nicht. Heute ist mir eine alte Geschichte eingefallen. Die Geschichte eines Lehrers, den es wirklich gab. Die Geschichte eines unfreiwilligen Isolierten, der seiner Isolation schwer geschädigt entging, wegen dieser Schädigungen aber ausgelacht wurde. Es ist eine traurige Geschichte. Heute ist es gelungen, sie aufzuschreiben.

Birgit Birnbacher, 13. 3.2020
die kindergärten schließen. zum ersten mal bin ich auch kurz ein bisschen dankbar für die zig ausgefallenen lesungen.

Lucia Leidenfrost, 14.3.2020
Es ist Samstag. Wir haben unserer Tochter einen Indoorspielplatz gebaut.

Thomas Stangl, 14.3.2020
Ich kenne immer noch niemanden, der mit Corona infiziert ist. Die lieben Wolken ziehen ungerührt am lieben Himmel vorüber. Es sind nur Zahlen.

Birgit Birnbacher, 14.3.2020
mein kind und ich füttern schwarze kühe in der sonne, wo niemand ist. wir werfen alten sellerie über den zaun und 1 birne. den sellerie beschnuppern sie lang, fressen ihn dann aber doch. wir streicheln sehr lange eine ziege, auch die hörner. die ziege bleibt bei uns stehen, obwohl wir nichts mehr für sie haben.

Christian Mähr, 15.3.2020
„Salve!“ war der Willkommensgruß im alten Rom. Wörtlich heißt es: „Sei gesund!“ Da sind wir schon im Thema in diesen denkwürdigen Zeiten. Sei gesund. Ich frage mich: Warum bei der Begrüßung ein Wunsch zum Gesundbleiben, warum sagten sie das als Erstes? In China heißt der Willkomm angeblich „Hast du heute schon gegessen?“; man wünscht, was dem Mitmenschen am nötigsten gewünscht werden muss, je nach historischer und geographischer Lage. Fast die ganze Vergangenheit Chinas war von Hungerkatastrophen geprägt, das scheinen die Römer weniger gefürchtet zu haben als die Aussicht krank zu werden.

Lucia Leidenfrost, 15.3.2020
Es ist Sonntag. Österreich macht zu. Deutschland versäumt es. Ich warte und werde das Gefühl nicht los, dass von Minute zu Minute etwas passiert, was ich mitbekommen müsste. Ich bin ständig online, Twitter, Live-Blogs, Radio alles. Ich schalte von SWR zu DLF zu Ö1 und wieder zurück.

Helena Adler: Warten auf Corona, ohne Datum
Und wenn es aber kommt? Dann bunkern wir uns ein! Dann bersten wir davon! Dann bleiben wir daheim. Ich verabschiede Mann und Sohn ein letztes Mal. Eigentlich grenzt es schon an deftiges Unbehagen, sie gehen zu lassen. Aber das tut es auch außerhalb dieser Umstände, meine Zeit ist immer Krise. Wer hätte schon gedacht, dass der Orkan Sabine der Sturm vor dem richtigen Sturm wird. Ich gammle mich auf unser Kanapee im Wintergarten, der als Wohnraum dient und schaue auf eine halbvolle Kiste mit meinen Büchern, die man derzeit nur mehr online kaufen kann. Die Infantin trägt den Scheitel links. Jetzt bin ich eine Provinzberühmtheit, das ist schlimmer als vereinsamt und anonym.

Ann Cotten, 16.3.2020
Wie lange habe ich mich nach einem solchen Ereignis gesehnt – um wie Naivlinge vor dem 1. Weltkrieg zu klingen. Aber es ist kein Weltkrieg. Es ist die friedlichst mögliche Art, auf die ganze Welt Druck zu machen und die Prioritäten zu überdenken sowie die Arbeitsverhältnisse endlich ernsthaft umzustrukturieren, damit eine emissionsstarke Pendelei reduziert werden kann. Ich bin wirklich froh, obwohl natürlich die Unannehmlichkeiten groß sind. Das ist unausweichlich.

Nava Ebrahimi, ohne Datum
Tag Eins der Quarantäne. Ich frage mich, ob ich es schaffen werde, diese Zeit sinnvoll zu verbringen, mit viel Lesen, vielleicht sogar Schreiben, mit morgendlichem Yoga, Frühjahrsputz, Waldspaziergängen oder noch besser: Waldbaden. Ob wir endlich einmal mit unseren Kindern basteln werden. Ob wir es schaffen werden, eine neue Routine zu finden, ob wir nachher sagen können, es hatte auch etwas Gutes, Entschleunigung, Besinnung. Ob wir werden sagen können, dass wir zusammengewachsen sind, als Familie, aber auch insgesamt als Gesellschaft.

Kathrin Röggla: Geisterflüge, ohne Datum
Das habe ich mir ja gar nicht vorstellen können, was alles zu schließen ist: Das Jobcenter in Friedrichshain-Kreuzberg, die Bibliotheken, die Volkshochschulen und Museen. Auch der Berliner Handwerkerverband sagt die Meisterfeiern ab, die Bezirksverordnetenversammlung ihre Sitzungen, nur der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband öffnet etwas, ein Infoportal, wahrscheinlich eines des Abgesangs, der Notbehelfe. Die Clubs gehen in Richtung Insolvenz, die Bars und Cafés gehen in Richtung Insolvenz, die Läden und Ladenzeilen, die Kinos, die Schwimmbäder und Sportveranstalter, die Theaterhäuser und deren ganze Angestellten. Die Freiberufler. Zwei Monate nix. In welche Städte kehren wir zurück, wenn wir in zwei Monate wieder vor die Haustür gehen? In leere Städte ohne Stadtleben, ohne Sportveranstalter, Cafés?  Wie wird sich das alles ausgehen? Wir werden auf kreative Ideen kommen müssen, allesamt. Eine Herausforderung.

Julya Rabinowich: Echokammer, ohne Datum
Für die meisten anderen ist es die zweite Nacht in abgeschlossenem Raum. Für mich mit kleiner Unterbrechung von drei gestohlenen Tagen in Freiheit schon die zwölfte. Es ist eine seltsame Gewohnheit, die eigentlich noch keine Gewohnheit ist, sondern eine Erinnerung. An endlos scheinende Krankentage, die ich im Spital verbrachte. Dann: Zu Hause. Allein in meiner Wohnung. Abgeschnitten von der Welt draußen. Das sind Echos vergangener Jahre, die sich plötzlich verstärkt und gedehnt und in eine überwältigende Kakophonie ausgewachsen haben, die das Jetzt verdeckt.

Benjamin Quaderer, Berlin, 18.3.2020
Es ist komisch, so viel Freizeit zur Verfügung zu haben, wenn man gar keine Freizeit haben will, dachte ich, während ich 750 Gramm Mehl in eine Schüssel siebte. Ich sollte jetzt auf der Leipziger Buchmesse sein, dachte ich, während ich die Hefe in etwas Zucker und lauwarme Milch bröckelte, und dann zur lit.cologne weiterfahren. Alles färbte sich grau. Ich gab das Gemisch in eine Vertiefung im Mehl und ließ es 15 Minuten lang gehen. Dann knetete ich alles durch und mit jeder Bewegung mehr, mein Debütroman, mein armer Debütroman, wurde ich wütender, waren die fünf Jahre Arbeit am Text denn vollkommen umsonst?, dass ich den Teig bald mehr boxte, als ihn zu kneten. Wieso ausgerechnet ich, dachte ich, während ich die Schüssel mit einem Haushaltstuch bedeckte. Wieso ausgerechnet jetzt, dachte ich, während der 60 Minuten, in denen ich den Teig aufgehen ließ.

Die Corona-Tagebücher. Ein Projekt des Literaturhauses Graz
Konzept: Klaus Kastberger. Redaktion: Agnes Altziebler, Elisabeth Loibner.
© Bei den Autorinnen und Autoren. Nachdrucke nur nach deren schriftlicher Genehmigung und mit dem Hinweis: Der Text ist Teil des Projekts „Die Corona-Tagebücher“ des Literaturhauses Graz.

Weitere Infos: agnes.altziebler@uni-graz.at, Tel. (derzeit): 0664/8565146.