© Franz Nabl-Institut für Literaturforschung, Publikationserlaubnis: Canetti-Stiftung/Zürich
© Franz Nabl-Institut für Literaturforschung, Publikationserlaubnis: Canetti-Stiftung/Zürich

Solange es ihn gab, erfüllte es einen mit Stolz, zur Literatur dieses Landes zu gehören“.

in Objekt des Monats

Kondolenzbrief Elias Canettis an Ilse Nabl vom 30. Jänner 1974 (Nachlass Franz Nabl)

Elf Tage nach Franz Nabls Tod kondolierte Elias Canetti der Witwe und verlieh seiner Wertschätzung für den Verstorbenen und dessen Werk mit warmen Worten Ausdruck:

Sehr verehrte und liebe Frau Nabl,

Es geht mir sehr nahe, dass Franz Nabl nicht mehr am Leben ist! Wie soll man sich Graz, wie Österreich ohne ihn vorstellen? Ich denke an den letzten Besuch bei Ihnen und bin dankbar dafür, dass ich ihn noch kennen durfte. Wenn ich nach Österreich kam, war es immer mein tiefster Wunsch, ihn wiederzusehen und bei keinem, den ich da erst nach dem Kriege traf, hatte ich das ruhige und sichere Gefühl wie bei ihm: ein grosser Dichter. Er war es in seinem Werk so sehr wie in seinem Schweigen, in seinem Sprechen wie in seiner Schwermut. Er hatte die Vornehmheit, sich einem Jüngern zuzuwenden, ohne sich zu verringern und seine Beachtung empfand man als das Ehrendste, was einem in Österreich geschehen konnte.

Solange es ihn gab, erfüllte es einen mit Stolz, zur Literatur dieses Landes zu gehören. Nun wird es ihn immer geben und wer zu träge war, es zu wissen, wird es jetzt erfahren müssen.

Ihnen, sehr verehrte und liebe Frau Nabl, haben wir anderen es zu verdanken, dass er dieses wunderbar hohe Alter erreicht hat, Ihnen, dass wir ihn besuchen und sehen durften. Ich kann Ihnen meine Teilnahme nicht anders sagen: das Bewusstsein dessen, was Sie für ihn waren, wird Sie in Ihrem Schmerz behüten.

Ihr Elias Canetti

Selbst wenn man das ‚nil nisi bene‘-Gebot solcher Texte in Rechnung stellt, berührt die Intensität dieser Totenklage. Der spätere Nobelpreisträger hatte das Ehepaar Nabl 1965 kennengelernt und war in den folgenden Jahren mehrfach Gast in der Grazer Laimburggasse gewesen. Mit Nabls literarischen Arbeiten war Canetti schon wesentlich früher vertraut, hatte er doch in seinen Jugendjahren mit Bewunderung Nabls Roman Ödhof (1911) und einige Erzählungen gelesen. Die persönliche Begegnung ließ ihn nun eine tiefe Zuneigung für den greisen, beinah vergessenen Dichter fassen, dem erst der Tod wieder etwas größere Aufmerksamkeit bescherte – nicht zuletzt durch das Engagement der Grazer Avantgarde, allen voran Peter Handke, der im Folgejahr einen schmalen Erzählband herausgab und mit dem (durchaus kritischen) Essay Franz Nabls Größe und Kleinlichkeit einleitete.

Wie kommt es, dass ein dezidierter Weltbürger jüdischer Herkunft sich für einen vorgeblichen ‚steirischen Heimatkünstler‘ mit belasteter Vergangenheit begeistern konnte? Mehr noch: Warum gereicht es ihm zur Ehre, wie dieser ein Teil der österreichischen Literatur zu sein? Nabls mangelnde Bereitschaft, sich von seiner opportunistischen Haltung im Dritten Reich zu distanzieren, stieß Canetti offensichtlich nicht ab, wie ein Tagebuchvermerk über ihr erstes Treffen belegt:

Der alte Mann spricht naiv und offen von der Nazi-Zeit. Er wurde überall herumgeschickt und hat vor S.S.-Leuten gelesen. Johst [Präsident der Reichsschrifttumskammer, C.N.] hatte früher gut über ihn geschrieben. Als er ihn darum bat, sein Urteil verwenden zu dürfen („das wäre doch damals sehr nützlich gewesen“) lehnte er ab. Das grosse Ereignis im Krieg war die Bombe (im Haus daneben?). (Hanuschek, Elias Canetti, S. 515)

In einem Gespräch mit Gerhard Roth nach der Verleihung des nach Nabl benannten Literaturpreises der Stadt Graz, dessen erster Träger Canetti 1975 war, entschuldigte dieser Nabls Mitläufertum als „die Tragödie eines Unpolitischen“ (Roth, Portraits, S. 59). Was ihn am Namensgeber des Preises faszinierte, hatte er zuvor in seiner Dankesrede ausgeführt: Nabls auch im Kondolenzbrief konstatierte Schwermut sei der Preis für „sein Bewußtsein von der Zerstörbarkeit alles Einzelnen“ gewesen. Seine unstillbare Sehnsucht, dieser Zerstörung entgegenzutreten und dem Unzerstörbaren nachzuspüren, würde oft als Hang zur Idylle missverstanden. Seine „starken und düsteren Werke“ zeichneten jedoch unbestechlich die eigentliche „Natur des Menschen […], sein Verhängnis“ nach (Aufsätze, Reden, Gespräche, S. 90)

Canetti spricht damit auch Nabls schwieriges Verhältnis zur Heimat, sein Ringen um ein identitätsstiftendes Zuhause an. Weder sein Geburtsort, das mittelböhmische Loučeň, noch die Residenzstadt Wien, wo sich die Familie nach der Pensionierung des Vaters niederließ, oder der Schulort Baden konnten ihm das Gefühl des Nichtdazugehörens nehmen. Erst der Zweitwohnsitz an der niederösterreichisch-steirischen Grenze, die Sommerfrische am vom Vater erworbenen Gstettenhof bei Türnitz, wird ihm zu einer ersten Heimat. Wie ambivalent diese Heimaterfahrung jedoch war, zeigt sich im autobiographisch gefärbten Ödhof-Roman, der die Gegend an der Mariazeller Wallfahrerstraße eben nicht als Ort des Aufgehobenseins zeigt, sondern der prinzipiellen Unbehaustheit eines Außenstehenden. Die fehlende Verwurzelung im Umgebungsraum, die Nabl zumal am Gegensatz von Dialekt- und Standardsprechern mit großer Sprachsensibilität (und kleineren Fehlern, die ihn als nichtnativen Sprecher verraten) festmacht, ist einer der Gründe für die misslingende Selbstbestimmung seines Protagonisten Johannes Arlet. Eine ‚zweite Heimat‘ (so auch der Titel eines Prosabands von 1963) findet Nabl schließlich in der Steiermark, die er in vielen seiner volkskundlich inspirierten Schriften zum Erfüllungsort stilisiert. Die Sehnsucht nach Stabilität lässt ihn in diesem Teil seines Œuvres vor allem Ausdruckformen der gelingenden und damit beglückenden Einheit mit Natur und Kultur finden, die nicht zu Unrecht den Vorwurf des Biedermeierlichen herausforderten.

Canetti sieht dagegen nicht den Idylliker, sondern den schwermütig nach Halt Suchenden, der sich die Heimat immer wieder neu erschreibt. Dass diese ständige Vergegenwärtigung von Land und Sprache Nabl zum genuin österreichischen Dichter macht, ist evident. Für den Europäer par excellence Canetti freilich kann eine derartige, gleichsam autobiographisch-topographische ‚Verheimatung‘ und daraus folgend eine Eingemeindung seines Werks in die österreichische Literatur nicht genügen. „Ortlos war er nie, er hatte aber viele Orte. Jeden hat er mit der Unbeirrbarkeit behütet, die man für eine einzige Heimat hat“ (Aufzeichnungen 1942-1985, S. 470), notierte er 1981 über sich. Wien hatte unter diesen Heimatorten zweifellos eine besondere Bedeutung, wie auch sein souveräner Umgang mit dessen substandardsprachlichen Registern (etwa in Komödie der Eitelkeit) belegt. Wer so in der Sprache einer Region zuhause ist, kann fraglos auch ihrer Literatur zugeordnet werden, ohne jemals tatsächlich einen österreichischen Pass besessen zu haben. Aber auch das klingt in Canettis Brief an Ilse Nabl nicht an. Wenn er selbst in Anspruch nimmt, „zur Literatur dieses Landes zu gehören“, dann ist dies die Selbstverortung in einer Wertschätzungsgemeinschaft. Heimat ist nach diesem Verständnis dort, wo man sich in seiner Eigentlichkeit verstanden und gewürdigt fühlt. Wien spielte in Canettis literarischen Anfängen unbestritten eine eminent wichtige Rolle. In Graz aber, das für Canetti untrennbar mit Nabl verbunden war, fühlte er sich als österreichischer Autor willkommen:

Eine Stadt, die dir geschenkt wurde. Der Dichter Franz Nabl. So sollte man in jeder Stadt einen Dichter zum Gastfreund haben. (Aufzeichnungen 1954-1993, S. 312)

Christian Neuhuber

© Franz Nabl-Institut für Literaturforschung, Publikationserlaubnis: Canetti-Stiftung/Zürich
© Franz Nabl-Institut für Literaturforschung, Publikationserlaubnis mit freundlicher Genehmigung der Canetti-Stiftung/Zürich.