Daniela Strigl: Theodor Kramer in fünf Minuten

in Klassiker in fünf Minuten

Meine Bekanntschaft mit Theodor Kramer verdanke ich dem Schuleschwänzen. Also, nicht direkt Schwänzen, aber richtig krank war ich auch nicht. Es war in der fünften oder sechsten Klasse, damals gab es im Fernsehen noch den sogenannten Schulfunk. Eine halbstündige Sendung war dem Weinviertler Dichter Theodor Kramer gewidmet. Man sah die Landschaft rund um seinen Geburtsort Niederhollabrunn – Hügel, Weingärten, Lößgräben, Ackerwege, geduckte Dörfer – und man hörte seine Gedichte, die ebendieser Landschaft plastisch und sinnlich Gestalt verliehen. Ich war fasziniert und beschloß, mich mit dieser eigentümlichen, irgendwie „unlyrischen“ Lyrik einmal eingehender zu beschäftigen.

Als es dann gegen Ende meines Germanistik-Studiums darum ging, ein Dissertationsthema zu finden, kam ich darauf zurück – nicht unbedingt zur Freude meines Doktorvaters Wendelin Schmidt-Dengler, der mir als Folge einer Lektüre von zweitausend Kramer-Gedichten (so viele etwa lagen gedruckt vor) eine Art Gehirnerweichung prophezeite. Er ließ aber mit sich reden, und so stürzte ich mich in die Kramersche Welt der Taglöhner und Weinmägde, der Markthelfer und „Ausgesteuerten“, der durchs „Buckelland“ wandernden Liebespaare, der Stromer und Huren. Kramer, so entdeckte ich, ist der Sänger der Erde und der Branntweinschenke, der Ziegelbrennerei und des Schützengrabens, er liebt die Peripherie, das Niemandsland zwischen Acker und Stadt, er ist melancholisch und aufmüpfig, zart und derb, bodenständig und „wurzellos“. Seine Widersprüche wollte ich im Titel meines Buches zumindest andeuten: „Wo niemand zuhaus ist, dort bin ich zuhaus“. Theodor Kramer – Heimatdichter und Sozialdemokrat zwischen den Fronten.

Es kommt nicht von ungefähr, daß mich diese Gedichte zuerst rein vom Zuhören angesprochen hatten, als akustische Gebilde. Gerade das, was manchen daran auf die Nerven ging, das Eintönige und Repetitive, die Begrenzung des Raums und des Milieus, hat mich gepackt und nicht losgelassen, bis heute. Man kann Kramers Sound auf sich wirken lassen wie einen guten Blues, und wie ein guter Blues umfaßt er die ganze Spannweite des Lebens, dunkel getönt, aber umso glühender in der Beschwörung des „schönen Überschwangs“, der das menschliche Dasein trotz aller Mühsal rechtfertigt.

Dabei sah Kramer, Jahrgang 1897, als Dichter über sein eigenes Schicksal fast immer programmatisch hinweg. Aufgewachsen als Sohn eines jüdischen Landarztes, wurde er im Krieg schwer verwundet, studierte, arbeitete im Buchhandel, verlegte sich ganz aufs Schreiben. Gleich mit seinem Erstling, dem Gedichtband Die Gaunerzinke, machte er 1929 Furore als ein Meister des Rollengedichts. „All dies mundet wie Schwarzbrot und Rettig, herb und schwer auf all das lauliche, unbestimmte Zeug, das vielfach wieder als Lyrik ausgeboten wird“, schrieb der Kritiker Ernst Lissauer. Nach Wir lagen in Wolhynien im Morast (1931) und Mit der Ziehharmonika (1936) gehörte Kramer zu den berühmtesten Dichtern des deutschen Sprachraums. Der Anschluß brachte ihn dazu, sich, wie er meinte, in persönlichen Versen „gehen zu lassen“, er trieb ihn, den Juden und Sozialdemokraten, nach England, wo er fast zwanzig Jahre blieb und als College-Bibliothekar sein Leben fristete, obwohl er dort nie heimisch wurde und in hunderten Gedichten sein ihm verloren gegangenes Werk der zwanziger und dreißiger Jahre gleichsam noch einmal schrieb. Erst ein halbes Jahr vor seinem Tod 1958 kehrte Kramer krank und zerrüttet nach Wien zurück.

Mehr als zehntausend Gedichte hat er geschrieben und damit ein unverwechselbares Werk geschaffen, „gute glaubwürdige Dichtung zwischen den Moden von Heimatkunst und Neuer Sachlichkeit“ (Andreas Okopenko). Kramer selbst positionierte sich als „Chronist meiner Zeit“ und als poetischer Realist gegen die schöngeistige Lyrik der Rilke-Epigonen, er wagte einiges in Sujet und Thema, in der Form setzte er auf Bewährtes, auf die Liedstrophe und den Reim. Er pflegte aber auch einen Wortschatz des Ländlich-Besonderen, mitunter Musealen. Kramers Engagement „für die, die ohne Stimme sind“, ist nicht mit parteipolitischer Propaganda zu verwechseln. Seinen Genossen waren seine Gedichte zu wenig kämpferisch, den Nazis waren sie zu marxistisch und zu „jüdisch“. Alfred Rosenberg wollte Kramer gar zum „Hofpoeten der Demokratie“ ernennen, ein schlimmeres Verdikt war ihm nicht vorstellbar.

Theodor Kramers Verschwinden im Exil gehört zu den peinlichen Kapiteln der an Peinlichkeiten nicht armen österreichischen Nachkriegsgeschichte. Auch den Akteuren des Wiederaufbaus war dieser plebejische Dichter zu düster, der folgenden Generation erschien er wiederum zu altmodisch. Erst mit der dreibändigen Ausgabe des Europaverlags begann 1984 die langsame Heimkehr des jüdischen Heimatdichters nach Österreich. Im Vorwort zu Band I bekennt Bruno Kreisky, Kramers Lyrik gehöre „zu den großen literarischen Erlebnissen meiner Jugend“.

Als wahrer Volksdichter, dessen Begriff von Heimat niemanden ausschließt, ist Kramer in einer Zeit, da österreichische Bundeskanzler auf Fragen nach ihren Lieblingsbüchern diplomatisch zu schweigen belieben, jeder Leseempfehlung wert.