Die Corona-Tagebücher. Zweite Welle, Teil 1 („Lüften, lüften, lüften.“)

in Zweite Welle. Die Corona-Tagebücher

Eine Auswahl aus den Einträgen von:
Günter Eichberger, Gabriele Kögl, Stefan Kutzenberger, Egon Christian Leitner, Lydia Mischkulnig, Wolfgang Paterno, Birgit Pölzl, Barbara Rieger, Stephan Roiss, Verena Stauffer und Heinrich Steinfest.

[PDF der Gesamtexte]

Günter Eichberger, 3.11.2020
Ich habe noch nie ein Tagebuch geführt. Ich denke nicht daran, eines zu führen. Heute beginnt die Massenquarantäne. Das ist meine Zeit. Ich bin mein Leben lang isoliert, sozial distanziert, immer bei mir zu Hause. Für mich ändert sich nichts. Ich könnte noch einen Schritt weitergehen und mich von mir selbst absondern. Genau das werde ich tun.

Barbara Rieger, 4.11.2020
Bei mir ändert sich ja nichts, habe ich beim ersten Lockdown behauptet, ich bin allein zuhause, versuche zu schreiben und nicht wahnsinnig zu werden. Ich erinnere mich, dass ich die Corona-Tagebücher meiner KollegInnen verfolgt, dass ich sogar ein paar Mal das pdf der Gesamttexte geöffnet habe, dass ein Kollege von mir gemeint hat, es zeigt sich, wer schreiben kann und wer nicht, ich erinnere mich an die Kritik aus der Szene: Fällt uns nichts Besseres ein?

Stefan Kutzenberger, 4.11.2020
Während der Zeit des Amoklaufs, zwischen 20:00 und 20:09, habe ich mit dem Architektenfreund Tischtennis gespielt. Seit einem Jahr spielen wir regelmäßig Tischtennis im Gemeinschaftsraum unserer Siedlung. Beim ersten Lockdown hörten wir sofort auf damit, auch wenn es ja kein Kontaktsport ist, aber man ist doch schwitzend lange Zeit im selben Raum und berührt den Ball. Diesmal haben wir beschlossen, trotzdem weiterzuspielen, immer wieder zu lüften, die Hände zu desinfizieren. Virologisch hat sich nichts verändert zwischen erstem und zweitem Lockdown, aber anscheinend ist man doch etwas abgestumpfter geworden – oder auch professioneller im Umgang mit dem Virus. Ich kam damals im Frühling gestärkt aus der Tischtennis-Trainingspause zurück, nun ist aber der Architektenfreund besser, gewinnt ständig, auch am Montag, wo wir uns gegenseitig bestätigten, wie gut wir geworden sind, ohne zu wissen, wie gut wir wirklich waren.

Lydia Mischkulnig, 4.11.2020
Die erste Nachfrage, ob ich okay sei, schickte meine Tochter per SMS. Da ich vom Attentat noch nicht in Kenntnis gesetzt war, freute ich mich über ihre Frage ungemein und beantwortete sie mit einem großen „Ja“, um dann weiterzuschreiben, dass ich ganz guter Dinge sei, da ich mich wieder an einen Roman setzen wolle. Ich hielt jedoch inne, weil diese Tochter einmal gesagt hatte, dass sie an meiner Arbeit nicht sonderlich interessiert wäre, weil diese ja ohnehin nie endete.

Barbara Rieger, 4.11.2020
Gestern: Vor dem Lockdown noch nach Graz, zu Mama, vor dem Lockdown noch das Baby von B. sehen, unser Baby anschauen lassen, praktische Schuhe, eine warme Jacke kaufen, einen Scheck einlösen, vor dem Lockdown die letzte Gelegenheit im Restaurant zu essen, vor dem Lockdown die Absagen meiner FreundInnen für das Wochenende, vor dem Lockdown ein Terroranschlag in Wien, das ist für mich, sage ich zu meinem Mann, als würde jemand bei uns im Garten herumschießen, oder zumindest bei uns am Almuferweg.

Birgit Pölzl, 4.11.2020
Bitte nicht wieder Trump. Ich stehe im Regen und schaukle das Kind an, bitte nicht wieder Trump, das Kind lacht, wenn es aus dem Trockenen in den Regen schwingt, während ich singe – nein, ich singe nicht, ich repetiere, bitte nicht wieder Trump, wiederhole mein Mantra, schaukle das Kind, das brabbelt und lacht, bis ich zu frösteln beginne, tauche es an, als könnten Frösteln und Repetieren Trumps Wahlsieg verhindern.

Gabriele Kögl, 5.11.2020
Die ersten guten Nachrichten seit langem: Biden holt auf. Und Trump sitzt in seiner weißen Hütte und reißt sich grad selber den linken Haxen aus, weil er die Auszählung der Briefwahlstimmen nicht stoppen kann. Und ich bin in Gedanken noch immer beim Oaschloch-Posten. Und überlege: Wenn man tatsächlich statt des Namens nur die Bezeichnung „Oaschloch“ verwendet, konsequent in allen Berichten, dann hat es vielleicht doch eine Wirkung bei den Gesinnungsgenossen. Wer möchte schon an die Himmelstür klopfen, nach den 72 Jungfrauen begehren: „So, jetzt warad i do“, und der Himmelswächter sagt nur: „Ach, du bist es, Oaschloch!“

Lydia Mischkulnig, 7.11.2020
Biden

Gabriele Kögl, 7.11.2020
Heute die Seitenstettengasse besucht. So viele Kerzen wie sonst Gäste in den Schanigärten. Eine beeindruckende Stille trotz der vielen Menschen. Ab und zu wird verstohlen ein Selfie mit Kerzenmeer geschossen.

Barbara Rieger, 7.11.2020
Vorgestern ins Nachbartal, Kirchdorf im Nebel. Während diesmal mein Mann mit dem Baby zur Mutter-Kind-Pass-Untersuchung geht, spaziere ich durch die Fußgängerzone, stehe ich vor der Buchhandlung (im Schaufenster oben Roiss: Triceratops, darunter Hirth: Das Loch, daneben Friss oder stirb), geschlossen. Ich stehe vor dem Gea, geschlossen. Ich verstehe, das ist die Mittagspause. Restaurants und Cafés geschlossen, das ist der Lockdown.

Verena Stauffer, 7.11.2020
Gerade wohne ich in Wien Ottakring, in der Wohnung eines Oberösterreichers namens F, der nach Kolumbien ausgewandert ist und eine dauerhafte Nachmieterin für seine hübsche, wie er selbst sagt, Maisonette sucht. Ich selbst bin nur übergangsweise hier, da ich ein für mich günstigeres Apartment gefunden habe, das ich bald beziehen werde.
[…]
Gestern sagte ich ihm, dass ich wider Erwarten immer noch in seiner Wohnung sei, weil ich für meine neue Wohnung, in die ich schon bald langfristig übersiedeln werde, eine Matratze bestellt habe, diese aber nirgendwo ankommen würde. Weder sei sie in die neue Wohnung je geliefert worden, noch hat sie, obwohl ihre Retoursendung via Sendungsverfolgung nachzuweisen ist, nach Tagen wieder das Lager des Möbelhauses erreicht. Ich muss in einen Schildbürgerstreich verwickelt sein, sagte ich. Mittlerweile habe ich den Kauf der Matratze storniert und sie erneut bestellt, jedoch wurde das neue Modell bisher nicht der Post übergeben. Er fragte mich daraufhin, ob ich seine Frau und ihn nicht einmal in Kolumbien besuchen wolle, auch er habe hier schon viele Schildbürgerstreiche erlebt. Gerade sei er bei einer Familie der Ikas, eines Stamms der kolumbianischen Ureinwohner ­­– er schrieb „Indianer“ – zum Essen eingeladen und es sei völlig irre inmitten des Regenwalds meine Sprachnachricht aus Wien zu hören.

Heinrich Steinfest, 8.11.2020
Ich sehne mich so nach Tirol. Ich weiß auch nicht. Ich könnte mich ja genauso gut nach Mallorca oder Madeira sehnen, wo ich auch so gerne war, so glücklich mit dem Meer und dem Leben in kurzen Hosen, und erst recht nach Wien, der verlorenen Heimat, so glücklich mit Schubert und Qualtinger und dem schönsten Grau, das ich je gesehen habe, aber es ist nun mal Tirol, an das ich sehnsuchtsvoll denke. Vielleicht sind es die Berge, wiederum mit dem schönsten Weiß, das ich je gesehen habe, sowie einer völlig verspielten Gottesfürchtigkeit, bei der mit allem Ernst gespielt wird. Ja, ich denke an Tirol, während ich nach Ewigkeiten wieder Pessoas Buch der Unruhe aus dem Regal meiner Stuttgarter Wohnung hole, in der ich wie in einem Raumschiff sitze (und wie gut, wenn man mitten im Weltraum feststeckt, einen Pessoa bei sich zu führen und nicht nur all den technischen Krimskrams und ein Handbuch für das Andocken an fremde Raumschiffe, nur, daß von denen weit und breit nichts zu sehen ist).

Günter Eichberger, 8.11.2020
Eben hatte ich Besuch. Aber ich kam nicht dahinter, wer der Besucher war. Er schien etwas von mir zu wollen. „Spucken Sie’s doch aus!“, sagte ich. Da verschwand der Besuch wie ein Spuk. Und ein Spuk scheint er auch gewesen zu sein. Ich bin überzeugt davon, bei klarem Verstand zu sein.
Ein Zeichen von Wahnsinn, keine Frage.

Heinrich Steinfest, 8.11.2020
Jetzt soll ich auch noch Tagebuch schreiben. Habe ich nie getan, nicht mal, als ich noch Zwerg war. Aber Auftrag ist Auftrag und wenn Schriftsteller Tagebücher schreiben, schielen sie sowieso immer auf einen möglichen Leser. Ja, praktisch mit jedem Schriftstellertagebuch wird auch mindestens ein Leser ins Leben gerufen. Das nennt man Koexistenz.

Lydia Mischkulnig, 8.11.2020
Ein Wort der Stunde, das mir heute den Zunder in den Text bringen soll, heißt „neutralisieren“. Der Innenminister äußerte es, Polizisten und auch ich, um den Tod des Attentäters zu beschreiben, der von der Polizei erschossen worden ist. Schon irre, dass die Polizei eines Landes mit Neutralität in der Verfassung innert 9 Minuten und 30 Sekunden einen Attentäter neutralisiert, der mordend den Laizismus einer liberalen Gesellschaft bedroht. Laizismus sollte auch in der Verfassung festgeschrieben sein. Stört es, wenn ich die Balkontür aufmache?

Egon Christian Leitner, 2. – 9.11.2020
Warum gibt es in der Schule kein Unterrichtsfach, das Helfen heißt, und warum im Fernsehen kein Friedensprogramm? Ein paar Stunden pro Woche. Auf jedem Sender die Analysen, was man wo tun kann, und in jeder Schule Helfen als Pflichtfach für da hier. Und warum wird nicht endlich – Herrschaftszeiten! – das präventive Sozialstaatsvolksbegehren wiederholt von 2002 (initiiert damals u. a. durch Frauenministerin Dohnal, den Volksschullehrer, Notfallchirurgen, Pflegeanwalt Vogt, den Ökonomen Schulmeister, den Theologen, Historiker Talos)? Warum drücken sich SPÖ, ÖGB, AK, Armutskonferenz, Caritas, Diakonie, APO samt KPÖ permanent vorm Sozialstaatsvolksbegehren, verstärken so die Helferhilflosigkeit massiv, welche die Folge der Defekte und Defizite des Sozialstaats ist. Z.B. der Pflegenotstand in Wahrheit seit Jahrzehnten. Oder die Resozialisierung in der Jugendarbeit. Meine Erklärung des unsolidarischen Desasters, roten wie christlichen: der geschäftliche Konkurrenzkampf. Aber der wäre in Wirklichkeit der guten Sache wegen ja nur als gegenseitige Kontrolle und rechtzeitige, konsequente Fehlerkorrektur von Nutzen. Die Spielaufstellung ist zurzeit wie folgt: Entweder Kooperation oder Konkurrenz, entweder Prävention oder Pathologie. Richtig wäre z. B. Schonung. Schonen, sich, die anderen. Dadurch wird man leichter gesund. Nicht so leicht krank. Ein Lockdown im Sinne von Lessings Freund Moses Mendelssohn wäre das: Verschonet Euch untereinander!, hat der nämlich gesagt zu den Leuten.

Wolfgang Paterno, 9.11.2020
Hinausgewagt. Nachtspaziergang. Es ist, wie es früher – früher? – als Kind war, das Sehen spielt Streiche: Die Eltern waren ausgegangen, und man schlich sich in das Fernsehzimmer. „Aktenzeichen XY ungelöst“. Auf der Treppe zurück ins Kinderzimmer die Gesichter und Gestalten im Dunkeln, schwarze Einbildung. Alles auf Lockdown auf dem Spazierweg durch die Nacht. Sind wirklich viel weniger Passanten unterwegs? Tatsächlich viel weniger Verkehr? Wo sind all die Hundehalter abgeblieben? Etwa der Hüne mit schlohweißem Haar und riesenhaftem Hund, der doch sonst immer durch die Straßen schlenderte? Der Mann mit schiefem Kopf, der seine Runden um die Kirche dreht? Der Zigarrenraucher, der wie immer finster schaut? Alle wie vom Asphalt verschluckt. Oder, große Frage: Hat man früher – früher? – nie so genau in der ganzen Weltselbstverständlichkeit hingesehen? Diesem und jenem starrköpfig keine Beachtung geschenkt? Die Seuche monologisiert in einem, als spräche sie zu dem schreckhaften Kind von einst.

Stephan Roiss, 2. – 9.11.2020
Die Dame, die mich anruft, ist freundlich, aber hörbar erschöpft. Sie hat Fragen. Symptome? Sozialversicherungsnummer? E-Mail-Adresse? Reisen in jüngster Vergangenheit? Das Rote Kreuz werde mir eine SMS mit möglichen Testterminen schicken. Zudem bekäme ich bald den offiziellen Bescheid. Schwarz auf weiß. Quarantäne. In meiner Wohngemeinschaft ist jemand an Corona erkrankt. Zwei Wochen lang kein Spaziergang durch den Stadtpark, kein Früchtetee im Freien, keine gebetenen Gäste, keine Umarmung. Stattdessen mit Maske in der Küche stehen, Türgriffe desinfizieren, lüften, lüften, lüften.

Birgit Pölzl, 9.11.2020
Weniger Aufgeregtheit als während des ersten Lockdowns. Der Gummi an den Masken wird akkurater hinter die Ohren gelegt, am Desinfektionsmittelspender im Eingangsbereich gehen die meisten vorüber, die Ausweich-Schleifen in den Gängen werden enger gezogen, keine Hamster-Mengen in den Einkaufswagen. Wagerlpflicht, sagt die Verkäuferin zum Mann vor mir, was, Wagerlpflicht. Sie müssen einen Einkaufswagen nehmen. Ich brauch nur ein Brot. Trotzdem. Der Glaube an Katharsis ist einer Lockdown-Pragmatik gewichen, einem bestimmteren Ton.

Stephan Roiss, 2. – 9.11.2020
So geht eine Woche voller Katastrophen und Ausnahmezuständen zu Ende. Der zweite Lockdown hätte verhindert werden können. Allzu menschlicher Leichtsinn. Maßnahmen wurden spät ergriffen und treffen nun manche unverhältnismäßig heftig. Die Fallzahlen steigen weiter rasant an. Tödlicher Terror in den Straßen Wiens. Blut, Zittern, Schock. Oaschloch. Es gibt keine Worte.

Wolfgang Paterno, 9.11.2020
Ein blendend klarer Morgen. Ein prächtiger Tag im Fensterrahmen. Noch immer Luftpest. Zuerst einmal frühstücken, dann sehen wir weiter.

 

Die Corona-Tagebücher. Ein Projekt des Literaturhauses Graz

Konzept: Klaus Kastberger. Redaktion: Agnes Altziebler, Elisabeth Loibner.
© Bei den Autorinnen und Autoren. Nachdrucke nur nach deren schriftlicher Genehmigung und mit dem Hinweis: Der Text ist Teil des Projekts „Die Corona-Tagebücher“ des Literaturhauses Graz.

Weitere Infos: agnes.altziebler@uni-graz.at, Tel.: 0316/3808372 oder 0664/8565146