Wolfgang Bauer / Gunter Falk: 1. Manifest der HAPPY ART & ATTITUDE (1965)

in Objekt des Monats

Typoskriptblatt mit hs. Korr. v. unbek. [Gunter Falk?] aus dem hektografierten, 3-seitigen „1. Manifest der HAPPY ART & ATTITUDE“ v. Wolfgang Bauer und Gunter Falk, dat. 4.12.1965, Archiv des Franz-Nabl-Instituts für Literaturforschung, Vorlass Barbara Frischmuth, Konvolut 4.5.2.1.2.: Werke anderer Autoren/Künstler.

Barbara Frischmuths 21. Geburtstag muss legendär gewesen sein, bedeutungsvoll nicht nur für den Wellensittich, der – Zufall oder (höhere) Gewalt? – dabei sein Leben ließ, wie die Autorin erzählt, sondern auch in literarhistorischer Hinsicht. Weiß doch Wolfgang Bauer in seinem Text „Georg und das Schachspiel“ (1984) zu berichten, dass auf besagter Party von dem Grazer Urania-Philosophen Georg Jánoska und ihm das „Free-Schach“ erfunden worden sei, jenes regellose Spiel der unbegrenzten Züge, Inkarnation eines „poetischen actes“ im Sinne Artmanns, das er später mit Gunter Falk als „kongenialem Partner“ fortsetzte und schließlich in sein Stück „Gespenster“ aufnahm.

Irgendwann im Jahre 1962 erfanden Georg und ich auf einer Party bei Barbara Frischmuth das „Free Schach“… Lang nach Mitternacht, als sich Barbaras Party schon in die Horizontale neigte, zogen Georg und ich uns zurück, um eine Partie Schach zu spielen…
Unser Tisch war überfüllt von halbleeren Gläsern, vollen Aschenbechern, Bierflaschen, Streichhölzern, unverzehrten Brötchen, Frankfurter-Resten, Senf und ausgetunkten Gulaschsuppen-Tellern. Da schob Georg mit feierlicher Bewegung einen Bierdeckel zu mir herüber. In seinen Augen war ein seltsames Glänzen. Ohne zu zögern betrachtete ich den Tisch, nahm eine halbleere Bierflasche und schüttete etwas davon in sein Weinglas. Er dachte kurz nach, ehe er meine brennende Zigarette nahm und sie in einem Senfbatzen austötete. Ich überlegte kurz, nahm sein Glas mit dem Gemisch aus Wein und Bier, trank es auf einen Sitz aus und sagte: Schach! Georg dachte lang nach, meinte, dies wäre ein schlechter Zug gewesen, und begann langsam das Schachspiel einzuräumen. Als er damit fertig war, sagte er: Matt!“

Eingeladen waren auf der Party – so Barbara Frischmuth in ihrem Statement für „MEMORY XS. Eine Ausstellungsinstallation über Wolfgang Bauer“ (2007) – neben Bauer unter anderen Alfred und Hedwig Kolleritsch, das Ehepaar Jánoska, Gunter Falk, Harald Sommer und Hedi Wasserthal. Aus dem „Geblödel“ heraus sei dort von Bauer und Falk auch die Entwicklung einer „Kunst der Lebensfreude“ angedacht worden und bereits der Begriff der „Happy Art“ gefallen, erinnert sich Frischmuth in einem Telefongespräch vom 15.11.2017.
Rauschhaft war das Lebensgefühl in der Frühphase des Grazer Forum Stadtpark, die Revolte einer jüngeren Generation von Künstlern und Künstlerinnen richtete sich gegen das scheinbar Ewiggültige als ein Ewiggestriges, „den reaktionär bis braun eingefärbten Gralshütern des Guten, Wahren und Schönen“ sollte „ein anderes Kunstverständnis“ (Gisela Bartens) entgegengesetzt werden. Die historischen Avantgardebewegungen und das absurde Theater, der Existentialismus und die US-amerikanische Kultur von der Beat Generation bis zur Pop Art, von Jazz und Rock ’n’ Roll bis zu den Hollywood-Filmen haben in je unterschiedlichen Akzentuierungen bei den einzelnen Autoren Pate gestanden. „In der linken Rocktasche Kierkegaard und in der rechten ein Micky-Mouse-Heft“ zitiert Hans Preiner in seinem Bericht über „Happy Art and Attitude“ Wolfgang Bauer (Kleine Zeitung v. 28.12.1965). Die Grenzen von Kunst und Leben, E und U sollten aufgehoben werden, Dichter-Images mit Werkcharakter an die Stelle der Meisterwerke treten. Das Banale, massentauglich Populäre und der scheinbar schlechte Geschmack wurden (hoch)literaturfähig. Die momentweise Vermittlung von Kunst und Leben in „poetischen acten“, wie sie H.C. Artmann – ebenfalls in einem Manifest und ebenfalls ironisch und zugleich ernst gemeint – bereits 1953 gefordert hatte, kann die private Geburtstagsfeier zum Happening oder die Veranstaltungsbühne zum Ort eines Saufgelages machen. Doch die verkappte Genieästhetik der jugendlichen Bohemiens diente keiner l’art pour l’art, sondern zielte aus der Erfahrung der skandalösen NS-Kontinuitäten und der klerikal-konservativen Werthaltungen in Graz Anfang der 60iger Jahre auf die Veränderung der Verhältnisse durch ästhetische Grenzüberschreitung.
Drei Jahre nach jener ominösen Geburtstagsparty war es dann soweit: „HAPPY ART & ATTITUDE“, kurz HAA, wurde am 15.12.1965 im Grazer Forum Stadtpark verkündet, jene Haltung der Liebenswürdigkeit und der Lebensfreude, der Sinnlichkeit und des Spiels, des lustvollen Unernsts, die die sanfte Weltrevolution mit garantiertem Happy-End einläuten sollte. Barbara Frischmuth war bereits nicht mehr dabei, sie war 1964 nach Wien gezogen. Das Typoskript des „1. [und einzigen] Manifests der HAPPY ART & ATTITUDE“ sei über Gunter Falk zu ihr gelangt, glaubt sie sich zu erinnern, die Korrekturen, die die Zahlensystematik zu re-etablieren suchen, aber nicht in die Druckfassung Eingang fanden, stammten jedenfalls nicht von ihr.
„HAPPY ART & ATTITUDE“ ist der Kulminationspunkt einer Reihe von Lesungen mit moderat aktionistischem Charakter, die die jungen Forum-Autoren von 1962-65 veranstalteten. Bauer und Falk gingen in diesen sogenannten „Dunkelkammern“ – dem allgemeinen Konsens zufolge – mit Abstand am weitesten. In der vierten, „Die Gemütliche“ genannten,

kamen die beiden Selbstinterpreten ihrer Werke… per Moped in den Saal gefahren, machten Schallplattenmusik, rauchten, aßen und tranken, fütterten fallweise einen Projektionsapparat mit Zeitungsausschnitten, hoben zwischendurch ihre Manuskriptblätter vom Boden auf und lasen daraus dem – gleichfalls rauchenden, trinkenden, essenden, entsprechend animierten und mit Zwischenrufen nicht sparenden – Publikum vor. (Dr. S. [Heribert Schwarzbauer]: Ein literarisches Gschnasfest… In: Kleine Zeitung v. 25.6.1964)

Neben dem evidenten Unterhaltungswert sollte Elisabeth Wiesmayr zufolge auch „die Stilisierung eines ‚Künstlerverhaltens‘“ thematisiert werden. Crux des Performativen allerdings: es lässt sich nicht festschreiben. Und die „Grazer“ machten insofern Ernst mit dem „poetischen act“, als sie – mit wenigen Ausnahmen – seine literarhistorische Verewigung nicht gleich mitbetrieben. Nur was in verkappter Form Eingang in die Literatur gefunden hat – etwa in Bauers frühe Stücke von den „Mikrodramen“ über „Party for Six“ bis zu „Magic Afternoon“, „Change“ und „Gespenster“ –, gibt zumindest indirekt Auskunft über jenes Lebensgefühl. In seinem Nachruf auf Gunter Falk macht Bauer immerhin einige Andeutungen über den Ablauf jenes Happy-Abends (weitere Details sind zwei Zeitungsberichten (s. u.) zu entnehmen):

Dezember 1965: Gründungsabend der „Happy Art and Attitude“ im Forum Stadtpark. 600 Leute. Wir verkünden das Manifest unserer Philosophie der Lebensfreude. Du formulierst den philosophischen Teil, ich lese die Praxis. Der Abend dauert fünf Stunden, die Lebensfreude schlägt um (von Hippies war da bei uns noch lange nicht die Rede!), der heitere Abend entgleitet seinem Sinn und endet in einer kräftigen Saalschlacht! So nah ist die Aggression, wenn man das Gute preist. Furchtbare Erfahrung. (Wolfgang Bauer: Dialektischer Midas. In: profil v. 2.1.1984)

HAA war durchaus ernst gemeint, wenngleich zynisch-resignativ übertrieben. Der Spieltheoretiker Falk und der „Praktiker“ Bauer plädierten in ihrem Manifest mit Herbert Marcuse für die Befreiung des Lustprinzips aus seiner durch Freud verordneten Unterdrückung. Nicht das ödipale Prinzip der Triebentsagung, sondern gerade deren Freisetzung durch das (ästhetische) Spiel, Sinnlichkeit, (herrschafts)freies und lustvolles Handeln, Liebenswürdigkeit und Freude sollten die „Happiness“ garantieren. Mit messianischem Eifer wird „die sanfte Weltrevolution“ verkündet, selbst noch das „Problem des Todes“ soll gelöst werden, indem seine „vermeintliche Unlustbetontheit“ sozusagen „happisiert“ wird. HAA spielt mit der Überführung der Kunst in Lebenspraxis und ist sich deren unaufhebbarer Autonomie zugleich bewusst, wie die verschiedenen Ironisierungsstrategien des Textes deutlich zeigen. Sie ist auch eine Parteinahme für die Rolle der Kunst als Kunst, die gerade in ihrer Künstlichkeit politisch wirken könnte.
Bei der Veranstaltung selbst – zu der auch Hans Staudacher als „Body-Painter“ und der Grazer Bohème-Literat und Lebenskünstler Herwig von Kreutzbruck zugezogen waren – wurden banale Akte wie Essen, Trinken, Kartenspielen, Boxen (freilich mit wattierten Handschuhen) etc. auf der Bühne konfrontiert mit Texten, die diverse Banalisierungsstrategien gegenüber dem Schrecklichen erprobten. So wurden „Märchen der Brüder Grimm auf einen durchwegs glücklichen Verlauf hin umgeschrieben“ oder „die üblichen Ärgernisse des Alltagslebens“ in kurzen Szenen „in Quellen der Harmonie“ verwandelt (Wiesmayr). Einige dieser Happy-Texte können in dem von Thomas Antonic herausgegebenen Bauer-Nachlassband „Der Geist von San Francisco“ (2011) nachgelesen werden. Dass die „Happisierung“ als Demonstration völliger Künstlichkeit die banalisierte Realität erst recht in all ihrem Schrecken durchscheinen lässt, bleibt dabei als Kehrseite der glückhaften Verflachung ständig bewusst.
Ob wir heute alle, sanft vertrottelt, in der Happisierungsfalle sitzen, weil nämlich spätestens mit der Studentenrevolte 1968 die „(sanfte) Weltrevolution“ tatsächlich eingeleitet wurde, hatte sich bereits zeitgleich Oswald Wiener mit seinem Modell des „bio-adapters“ in der „verbesserung von mitteleuropa, roman“ gefragt, jenem ultimativen „glücksanzug“, der, so gesehen, auch als eine (aus dem Bannkreis der HAA entwickelte) „Happisierungsstrategie“ im Zeichen der Computermetapher verstanden werden kann. Bauer jedenfalls lässt – ironisch augenzwinkernd – in seinem nachgelassenen Text „Aus einem Tagebuch, gefunden 3427 am Mars“ (1965) keinen Zweifel am Gelingen:

Mein Gott! Jetzt sitz ich da auf dem Mars und denke an die drei. An den alten Gunter Falk, den Wolfi Bauer und an den Hansi Staudacher. Wie würden sie sich freuen, wenn sie noch am Leben wären! Zwar haben sie damit gerechnet, daß Happy Art sich in wenigen Wochen über die Welt ausbreiten wird; daß aber selbst Mars und Venus und das gesamte Weltall davon nicht verschont würden, hätten sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht erwartet. Heute denkt das ganze Universum an sie! Heute ist der 100. Geburtstag von Happy Art & Attitude! Heute ist der 15. Dezember 2065!

Am 15.12.2017 startet im Literaturhaus Graz die Performancereihe „Happy Art and Attitude now!“.

Daniela Bartens

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