Egon Christian Leitner: Was jetzt, was tun? (Teil IV)

in Allgemein/Literatur und soziale Gerechtigkeit

Der Grazer Autor Egon Christian Leitner wurde vom Literaturhaus Graz eingeladen, sich an dem gemeinsamen MitSprache-Projekt der österreichischen Häuser für Literatur zum Thema Literatur und soziale Gerechtigkeit in Form von monatlichen Text-Beiträgen zu beteiligen. Leitners Beiträge werden unter dem Titel „Was jetzt, was tun?“ von Jänner 2022 bis Mai 2022 auf der Homepage des Literaturhauses Graz veröffentlicht und gemeinsam mit Beiträgen der anderen Literaturhäuser auch auf der gemeinsamen Homepage mit-sprache.net vorgestellt. Das Projekt „Was jetzt, was tun?“ wird zudem bei einer Veranstaltung mit dem Autor am 1. Juni 2022 um 19.00 Uhr im Literaturhaus Graz der Öffentlichkeit präsentiert.


Innsbruck, Wie geht’s jetzt weiter? Mit (Sozial-)Staat, Arbeit, Wirtschaft und Seele.
Universität Innsbruck, Theologische Fakultät, 30. April 2022.
Veranstalter: Diözese Innsbruck.

Begrüßung: Bischof Hermann Glettler (nimmt Bezug auf den Tag der Arbeitslosen, Aktion Was, wenn du fällst); Vizerektorin Ursula Tanzer, Universität Innsbruck.

1. Runde
Einleitend Leitner. Anschließend Armin Thurnher (Mitbegründer, Herausgeber und Chefredakteur der Wochenzeitung Falter): Die Zerstörung der Demokratie und die Medien; Andreas Exenberger (Wirtschafts- und Sozialhistoriker, Globalisierungs- und Armutsforscher): Armutsbetroffenheit in der Corona-Krise

Egon Christian Leitner: Was jetzt, was tun?
Oft, wenn sie plötzlich doch mutlos war, weil über die Menschen entsetzt, die von der Notwendigkeit, jetzt diesen Krieg konsequent zu Ende zu führen oder eben baldigst möglich jenen Krieg zu beginnen, unumkehrbar überzeugt waren, hat sich die Suttner als Medizin gegen die eigene Fassungslosigkeit daran erinnert, wie sie früher ja selber gewesen war. Dass sie da ja auch nichts kapiert habe. Kriege, Katastrophen, Elementarereignisse berührten sie vormals nicht wirklich. Weit weg war ja alles gewesen und es gehe ja ohnehin wieder schnell vorbei immer und das wirkliche Leben sei sowieso einzig da hier. Da hier! Die Eliten, in Besonderheit die Militärs da hier, hatte sie angestaunt als ob irgendwie anbetungswürdig und bei Bedarf jederzeit Großtaten wirkend. Helden und Märtyrer eben, welche die gerechte Ordnung ganz selbstverständlich und pflichtgemäß aufrechterhalten oder prompt wiederherstellen.
Geld im Übrigen war der jungen Suttner stets ziemlich egal gewesen; ihrer Mutter zwar auch, aber der Mutter dann doch nicht, denn die Mutter brauchte viel davon zum Verspielen in den Casinos und ärgerte sich über die Tochter, weil die zu Geld keinerlei Liebesempfinden verspürte und daher sich von der Mutter partout nicht zu Geld machen lassen wollte mittels Verlob- und Verheiratung. Verstanden, was wirklich los ist, hat die Suttner, heißt es, zum ersten Mal in Russland, da war plötzlich Krieg und kein Entrinnen, und die Verwundeten, Sterbende auch, lagen bei ihr und ihrem geliebten Mann im Haus im Kaukasus herum, und überall, drinnen wie draußen, bestand Seuchengefahr.
Nobel, dessen Privatsekretärin die Suttner bekanntlich kurz war und dessen Familie durch die Arbeit für den russischen Zaren reüssiert hatte, hoffte verzweifelt und stur darauf, dass durch seine furchterregenden bisherigen Erfindungen und dass durch noch entsetzlichere künftige chemische und technische Einfälle, auch solche anderer Unternehmer, Kriege zu führen in bereits unmittelbarer Zukunft absolut unmöglich sein werde. Das absolute Gleichgewicht des Schreckens hatte Nobel da im Sinne mithilfe von seinem Dynamit und mit den künftigen Kriegsmaschinen der anderen und seiner selbst. Die Suttner, derentwegen und der zuliebe dem Alfred Nobel die Friedenspreisstiftung in den Sinn kam, glaubte ans Gleichgewicht des Schreckens meines Wissens keine Sekunde lang. Ans Rote Kreuz glaubte die Suttner meistens aber auch nicht. Sehr oft überhaupt nicht an die humanitären Hilfen samt deren Organisierbarkeit im Krieg. Die machten ihr fast Angst. Ebenso die humanitären Abkommen zwischen den Staaten gegen die Gräuel und gegen Kriegsverbrechen und zum Schutz der Zivilbevölkerung und auch zum Schutz der gefangengenommenen Soldaten. Denn die Kriege, meinte sie, seien die Verbrechen und in Wirklichkeit weder begrenzbar noch rationales Handwerk noch humanisierbar, sondern eben kriminell, sowohl in den jeweiligen Folgen als auch in der jeweiligen Ausführung. Sowohl die neue viele Waffentechnik als auch die humanitäre Hilfe heizen die Kriege an, statt die Kriege zu verhindern oder zu beenden. Dergestalt sah sie den Zusammenhang. Als Illusion aller Beteiligten und Täuschung der Bevölkerung. Helfen im Krieg sei nicht dasselbe wie Abhilfe schaffen, damit kein Krieg ist. Den Zeitungen ihrer Zeit vertraute sie nicht über die Maßen, obwohl sie ja selber Journalistin war und gut, prominent, institutionell und elitebewusst vernetzt. Vielmehr war sie sich freilich gewiss, dass die Menschen da hier jetzt in Wirklichkeit keinen Krieg wollen. Die Regierungen jedoch und deren Zeitungsleute und Theatermacher reden über die falschen Dinge und auf die falsche Art und Weise und behaupten Sachverhalte, die seit Jahrzehnten so einfach nicht mehr wahr seien. An etwas Ähnliches wie die künftige UNO oder die EU glaubte sie bekanntlich schon. Durch derlei würde alles ganz gewiss anders werden. Gut eben irgendwie.
Als Mädchen, Kind noch fast, hat die Suttner mit einer Freundin zusammen Romane dramatisiert. Die beiden haben die Schicksalsromane irgendwie durch- und einander vorgespielt und dabei die Beziehungen der vorkommenden Menschen zueinander umgestaltet. Die Menschen wurden ganz anders dadurch, just wie die Verhältnisse ganz anders. Man konnte sich was aussuchen im Leben. Solche Art Freiheit ist der Suttner zeitlebens lieb geblieben. Sie starb, unter hohem Druck einen Wiener Friedenskongress mitvorbereitend, eine Woche vor dem Attentat von Sarajevo. Dass die Kriege von nun an totale Kriege sein werden, hat sie vorausgesehen und -gesagt. Die Frauen, die Kinder, die Alten werden künftig ohne jede Rücksicht abgeschlachtet werden und Verwüstung, Hungersnot und Seuchen werden ohne Ende herrschen, denn die neu erfundenen Waffen werden zu Wasser, Luft und Erde allüberall jederzeit einsetzbar und von noch nie da gewesener Reichweite und Auswirkung und Vernichtungsgewalt sein. Die Kriege werden von oben nach unten gemacht, oben geplant und begonnen, unten durchlitten; diese künftigen Kriege von oben her werden, meinte sie eben, totale sein. Die Welt total anders dadurch. Nichts werde mehr sein können wie zuvor. Andererseits hat die Suttner trotz allem in hohem Maße tatsächlich sowohl an die bestehenden Institutionen und Eliten als auch an die Millionen neuen Einzelnen geglaubt. Dass diese zusammen die Maschinerie aufhalten und außer Kraft setzen können und mit ihren weißen Fahnen die Welt neu ordnen, bevor es zu spät ist.
Ohne Angst und ohne Andacht auf die Welt schauen und die Machthaber als Spielmaterial nehmen. Den Machthabern zum Spott. Der Spruch, das Motto, die Lebensmaxime steht in einem, wie ich meine, sehr frommen Werk – denn fromm heißt ja nützlich ‒, also in einem Werk, das z. B. da hier jetzt vielleicht sehr von Nutzen sein könnte und Der lachende Christus heißt. Vom Verfasser empfunden wurde Der lachende Christus als sanftmütige Fortsetzung eines Skandalbuches von gut 30 Jahren zuvor. Dieses hieß Jesus in schlechter Gesellschaft. Und der Urheber beider Bücher eben Adolf Holl. Mindestens 33 Bücher wollte der eigentlich schreiben, weil Jesus ja vermutlich 33 Jahre alt geworden sei in etwa. Holls letztes, 33., Leibesvisitation heißt es, ist Fragment geblieben und Anfang. Von Holl, geboren 1930, gestorben 2019, gebe ich Ihnen, sehr verehrte Damen und Herren, beileibe nicht dazu Bericht, um die Theologen unter Ihnen zu brüskieren, sondern weil er unbestritten einer der humorvollsten, einfallsreichsten und gelehrsamsten österreichischen Ideenhistoriker, Ideologiekritiker und Erkunder von Totalitarismen einerseits, Devianz-, Alternativ- und Sozialbewegungen andererseits war (und des Alltags sowieso); die Österreichische Gesellschaft für Soziologie hat er, nebenbei bemerkt, ebenfalls mitbegründet. Apropos: Nebenbei war eines seiner Lieblingswörter, halbwegs auch, genauso die Fügung Das ist normal. Er hat sich nämlich nicht gern aufgeregt. Und deshalb hat er oft Das ist mir zu pathetisch gesagt. Vor allem und ausdrücklich wollte er weder Opfer noch Täter sein. In keiner Situation und in keiner Struktur. In der Folge hat er, so gut er eben konnte, sich nichts gefallen und sich weder ein- noch aussperren lassen. Die Öffentlichkeit und in die Öffentlichkeit zu gehen war für ihn Schutz. Als Wissenschaftler, als Journalist, als einer der legendären Club 2-Moderatoren und lange auch als Priester. Fast 20 Jahre lang war er Priester. Die Sakramente nicht mehr spenden zu dürfen, vor allem die heilige Messe nicht mehr lesen zu dürfen, hat ihn später dann zeitlebens wirklich gequält. Denn die Wandlung, das Wandlungsgeheimnis, die Kommunion, die Hostie waren für ihn das Lebenswichtige im katholischen Christentum. Die Verwandlung der Welt nämlich, der da hier drinnen und der dort draußen. Und die Sakramente waren für ihn, wenn ich ihn richtig verstanden habe, wie ein immer wieder neuerliches Wunder, ein unbefangenes, schuldloses Anfangen immerdar. Die unerschöpfliche Fähigkeit zum Neubeginn. Allen Ernstes hat er vertrauensvoll darauf gehofft, der Kardinal werde ihn, was ja de jure möglich gewesen wäre, zum 85. Geburtstag wieder die Heilige Messe zelebrieren lassen. Z. B. so beschaffen also war Holl. Dem Ernst Bloch geistig und emotional tatsächlich zutiefst verbunden. Dem Meister Eckhart übrigens auch. Die Dinge durchbrechen, von Meister Eckhart ist das. Und von Holl war das eine Lieblingsfügung. Zimzum, der behutsame, sich ganz winzig machende, allen Platz gebende Gott, kabbalistische Gott, war ihm auch sehr sympathisch, just wie die christlichen Kenotiker allesamt. Von denen z. B., also vom völligen Verzicht auf jegliche Allmacht und jeglichen Größenwahn und sämtliche Hierarchie, handelt Holls Lachender Christus. Charlie Chaplin hat er einmal den berühmtesten Kenotiker genannt, damit die Leut’ leichter verstehen, was Kenosis ist und was Kenotiker sind. Und den Sonnenuntergang am Ende jedes Lucky-Luke-Comics hat Holl bemüht, um den heiligen Franziskus und die heilige Klara, wie die beiden zusammengehörten, verständlich zu machen. Als Liebende nämlich. Doch, doch, das ist alles sehr wichtig, sehr verehrte Damen und Herren. Es geht ja um die Auswege da hier jetzt. In jungen Jahren hat Holl ein kurzes, erfolgloses Theaterstück geschrieben mit dem Titel Angstmann. Da lässt einer die Luft raus aus riesig aufgeblasenen Puppen, die typische Machtinhaber darstellen. Institutionelle und alltägliche aufgeblasene Autoritäten. Ohne Angst und ohne Andacht auf die Welt schauen und die Mächtigen als Spielmaterial nehmen, den Spruch im Lachenden Christus Jahrzehnte später nahm Holl von einem berühmten russischen Gelehrten, der vom Regime verurteilt, verfolgt und verbannt worden war und das Lachen, die Herrscher, die Helden, die Zeiten, das Reden und das Volk auf seine Weise erforschte und beschrieb. Bachtin hieß der und ständig Knochenschmerzen hatte der und ein Bein musste dem amputiert werden. Von Bachtin wie gesagt stammt Holls Satz im Wesentlichen. Holls Lachender Christus ist voller heiliger Narren, z. B. russischer wie syrischer. Die russischen reiten mitten im Winter nackt auf einem Holzpferd dem blutigen Zaren entgegen, damit dieser die Stadt nicht niederbrennt und die Menschen nicht massakriert. Und der Zar, der lässt tatsächlich ab. Von Politik hat Holl freilich nicht viel gehalten. In der Politik geschehen nämlich z. B. keine Wunder. Damit sich etwas ändere, brauche es stets mindestens Jahrhunderte; und heutzutage schaue es sowieso so aus, als ob sich nichts ändern werde, bevor nicht alles den Bach runtergegangen sei. In politischen Kämpfen gehe es prinzipiell immer nur darum, wer das jeweilige Machtsystem übernehme, niemals hingegen um die Änderung des Systems. Und die unten bräuchten ja doch nur zusammenzuhalten, tun die aber nicht, sondern die denken wie die oben. Zerbrechen sich deren hohle Köpfe. Werden selber hohl dabei. Holl hielt von Religion herzlich viel, zumal es in der Religion ums Wünschen gehe. Die Menschen sprechen auf diese Weise über ihr Innerstes. Die jeweilige Seele öffne sich da behutsam und vorsichtig und getraue sich zu denken. Holls religiöser Widerspruchsgeist hatte im Übrigen viele Gründe. Mussolini z. B. habe, hat Holl erzählt, ausdrücklich zu glauben befohlen: Glauben, gehorchen, kämpfen! Und ein übliches Kindergebet da hier funktionierte wie folgt: Händchen falten, Köpfchen senken, innig an den Führer denken, der uns Arbeit bringt und Brot, der uns hilft aus jeder Not. Holl wie gesagt wollte weder Opfer noch Täter sein. Und ihn interessierte, warum ‒ so seine Wahrnehmung ‒ in den römischen Katakomben Jahrhunderte lang Jesus nicht am Kreuz dargestellt wurde, sondern als guter Hirte.
Unglück in Glück drehen, gemeint ist die Fügung, wie wenn eine Hebamme das Kind im Bauch dreht, so das Baby und die Mutter außer Gefahr bringt. Diese richtige, gekonnte, gelernte, zuversichtliche, einfache Handgrifffolge bei der Geburt wird vollführt ‒ und alles geht gut aus in dem Moment. Kein Schicksal waltet. Das Leben und die Chancen sind doch da. Werner Vogt sagt die Worte manchmal: Unglück in Glück drehen. Seinen Beruf als Arzt, als politischer Arzt, hat er wohl so gesehen. Konflikten ist er, wie Sie, sehr verehrte Damen und Herren, vielleicht wissen, nur selten aus dem Weg gegangen. Vielmehr waren die Konflikte, sagt er, seine Form der Nächstenliebe. Die wirklichen Probleme auf diese Weise zu handhaben und zu lösen, war Vogts Ausweg. Nämlich die Öffentlichkeit, der öffentlich ausgetragene Konflikt, das Vertrauen in die Öffentlichkeit und in den Rechtsstaat; und der Schutz durch beide waren sein Ausweg. Anfang Februar hat Vogt Geburtstag gehabt. Er war zeit seines Berufslebens Unfallchirurg. In jungen Jahren war er freilich zuerst Volksschullehrer gewesen. Ein Tiroler, wie Sie vielleicht ebenfalls wissen, sehr geschätzte Damen und Herren, ist er; geboren in Zams, Landeck, und ab irgendwann studierte er Medizin in Wien und tat seine Arbeit dann dort so, dass er in der Folge bei den ihm Anvertrauten und Schutzbefohlenen beliebtest war. Bei Politikern hingegen des Öfteren nicht sehr. Vor ein paar Jahren wurde er für sein Lebenswerk ausgezeichnet, in Besonderheit für seine Zivilcourage, und zwar von der Ärztekammer, und vorvoriges Jahr bekam er einen höchst ehrenvollen österreichischen Menschenrechtspreis. Überreicht wurde der von einer Richterin. Der erste Wiener Pflegeanwalt ist er auch eine Zeitlang gewesen. Die Idee für solche wirklichen Anwaltschaften einzig zum Wohle der Patientinnen und Patienten habe ursprünglich ein mit ihm gut bekannter Tiroler gehabt, hat er einmal erzählt. Jedenfalls waren Vogts Gutachten gleich zutreffend wie unbestechlich. Des Weiteren hat er beispielsweise die Abhilfe schaffenden Einfälle, welche Heimbewohnerinnen und Heimbewohner und deren Angehörige ihm oft in größter Verzweiflung anvertraut haben, damit das Leben endlich leichter wird für sie oder damit das, was ihnen selber widerfahren ist, anderen erspart bleibt, öffentlich gemacht. Z. B. das Recht auf den Garten müsse es endlich geben, nämlich die Betten ins Freie schieben. So können auch diejenigen ins Freie, die nicht mehr aus dem Bett kommen. Und endlich ein für alle Male dafür gesorgt müsse bitte werden, dass genug nicht kaputte Rollstühle da sind und dass die Barrieren, die 2, 3 Stufen, überbrückt werden oder ganz weggemacht, damit wirklich ein Weg ins Freie da ist für jede und jeden im Heim. Und auch dass um Gottes willen doch ja ein Mensch da ist und Zeit hat, mitzugehen. Und prinzipiell dafür Sorge zu tragen sei, dass die Menschen im Heim ihren früheren Lebensrhythmus, Tag- und Nachtrhythmus, von zuhause eben auch im Heim beibehalten können und auch ihre ihnen wertvollen Lebensgegenstände von früher, z. B. ein paar Möbel. Und ein Grundrecht auf Lebensfreude müsse es sowieso endlich geben; und die frühere Lebensgeschichte müsse jemanden interessieren dort im Heim. Und das Essen müsse, zumal ja basale Sinnestätigkeit, köstlich sein statt abstoßend. Und möglichst nahe dort habe man die Heimplätze den Menschen sicherzustellen, wo die Menschen daheim waren, nicht irgendwo total weit weg von früher und dadurch total isoliert von allen und von allem. Grundsätzlich dürfen die Pflegeheime, so Vogt, niemals zu isolierenden und geschlossenen Anstalten werden, sondern müssen stets offen sein – denn durch die Offenheit und Öffentlichkeit der Einrichtungen bekommen sowohl die Patienten als auch das Pflegepersonal Hilfe von draußen und wird ihre alltäglich zugemutete Lebens- und Berufsnot zumindest gelindert; z. B. Aktion unschuldiger Blick hat Vogt derlei einmal genannt und die österreichische Bevölkerung dazu aufgerufen. Und das weiße Nachtkästchen darf um Gottes Willen nicht zum einzigen Privatraum der alten Frauen und alten Männer werden, hat eine Tochter an Vogt einmal voller Schuldgefühle in einem Brief geschrieben. Und die Motorik und Selbstständigkeit müssen mit allen Mitteln den Menschen solange nur irgend möglich aufrecht erhalten werden und die Intimsphäre absolut gewahrt. Und alles, was die Heimbewohner und die Angehörigen und die Schwestern und Pfleger zur Erleichterung vorschlagen und was sie alle eben selber sagen, dass sie brauchen, und was ihnen sinnvoll erscheint, müsse irgend möglich wirklich realisiert werden. Der Schutz, die Stressminimierung, die Autonomie und das Wohlergehen der Pflegepatienten seien außerdem zugleich der Schutz und das Wohlergehen der Pflegenden. Denn je unselbstständiger, abhängiger, hinfälliger und zerbrechlicher Menschen werden, z. B. durch Windeln und Schlaftabletten infolge der Einsparungen an Personal, Zeit und Geld, also je schäbiger, unzumutbarer, schwerer und rechtsverletzter das Leben den Heimbewohnerinnen und -bewohnern gemacht wird, umso schwerer, unzumutbarer und rechtsverletzter werden dadurch wie gesagt das Arbeitsleid und das Berufsleben der Schwestern und Pfleger. So einfach ist das alles. Es steht beispielsweise bei Vogt seit Jahrzehnten so publiziert. Man hat jedoch politikerseits das Menschen gefährdende Grundproblem, die gefährliche Grundstruktur, seit immer schon ignoriert, und so auch jetzt dann eben beim Isolieren der Pflegeheime im Jahr 2020 folgende. Man hat also die Pflegeheime zu geschlossenen Anstalten gemacht und dort drinnen sowohl die zu Pflegenden als auch die Pflegenden mit ihren Schwierigkeiten mutterseelenallein gelassen. Im Stiche eben.
Das Sozialstaatsvolksbegehren. Europaweit. Von Österreich aus das Ganze. Werner Vogt z. B. hat so etwas immer wieder zu realisieren versucht. Angeblich hat zwar hierzulande noch kein Volksbegehren je etwas bewirkt und glauben alle, es gehe bloß um Unterschriften. Falsch! Das österreichische Sozialstaatsvolksbegehren 2002, initiiert damals wie gesagt z. B. von Vogt und von Johanna Dohnal sowieso, ging bloß zu schnell (vorbei). Und, obwohl geglückt, infolge von Parlamentsauflösung infolge von Haider samt damaliger regierungsmachthabender Buberl- und Mäderlpartie in die Binsen. Das Potential wären wohl 1,5 Millionen Stimmen gewesen. Es hätte ein österreichweiter Diskussions- und Lernprozess werden sollen zum Zwecke der gemeinsamen Prävention vor künftigen Katastrophen. Im Gesundheits-, Pflege-, Bildungswesen, Wirtschaftsgebaren und Arbeitsleben. Die Sicherung ausreichender Grundversorgung in allen Bereichen. Geschützt dies durch die Verfassung. Wäre es bereits 2002 gelungen oder wäre die Idee, es zu wiederholen, nicht am Eigennutz von Parteien und Verbänden gescheitert, wäre der österreichischen Bevölkerung, bilde ich mir halt ein, viel jetzige Unbill erspart geblieben. Das Sozialstaatsvolksbegehren jetzt endlich wieder zu bewerkstelligen, würde da hier vor Schrecknis und viel Schlimmem bewahren. Angesichts des Weltwirtschaftskrieges und der permanenten Seuche und der weiteren anstehenden Naturkatastrophen und des totalen Ukraine-Massakers ist ein Sozialstaatsvolksbegehren oder etwas möglichst ähnlich Substanzielles dringende Notwendigkeit. Zwecks Sicherung der Grundversorgungen. Versorgungssicherheit! Zwar gibt’s ja jetzt das Volksbegehren gegen Kinderarmut, Verarmung, Arbeitslosennot. Und das entschlossene gemeinsame Vorgehen der Pflegeverbände, endlich. Und CARE und MORE CARE. Aber ich eben, ich bilde mir partout das präventive Sozialstaatsvolksbegehren ein von 2002. Mit Hand und Fuß das prophylaktische Sozialstaatsvolksbegehren von der Dohnal und dem Werner Vogt und vom Stephan Schulmeister und von Emmerich Tálos und so weiter und so fort.
Im Übrigen hat Werner Vogt einmal wie folgt formuliert: Das Ziel ist tatsächlich der Weg. Auf die Weise erspart man sich und den anderen die zeit- und kraftraubenden Umwege, die zu nichts führen als in die Irre, und die Ausflüchte, die ohnehin danebengehen. Wenn das Ziel der Weg ist, braucht man und darf man nichts aufschieben. Das, was zu tun ist, wird dadurch erreicht, dass man es tut.
Fritz Orter, in 14 Kriegen Berichterstatter. In diesen hat er die Mörder, Schänder und Quäler immer und immer wieder dasselbe sagen hören, nämlich: Wer zu uns gehört, braucht keine Angst zu haben! Den bringen wir nicht um. Wir bringen nur die um, die uns umbringen. Denen ist egal, dass wir verrecken, also ist es uns egal, dass die verrecken. Mir kommt vor, damit ist das entsetzliche Problem benannt, zugleich aber die Lösung, Befreiung daraus. Durch Orters Beschreibung der Kriegspsychologie ist die Herstellbarkeit von Frieden sichtbar gemacht.
Damit Menschen einträchtig leben und einander hilfreich sein können, ist es nötig, dass sie einander sicherstellen, künftig nichts zu tun, was den anderen schädigen könnte. Eine Art Staatsdefinition ist das eigentlich. Von Spinoza kommt die. 17. Jahrhundert, Spinozas Reaktion auf den Dreißigjährigen Krieg war die wohl auch. Infolge des Dreißigjährigen totalen Krieges ist man übrigens, heißt’s, für 200, 300 Jahre in der Tat vorsichtiger geworden in Europa beim Kriegführen. Bis zum Ersten Weltkrieg. Wie auch immer: einander sicherstellen, künftig nichts zu tun, was den anderen schädigen könnte. Darum geht’s. Eine Art Sozialstaatsdefinition ist das auch. 17. Jahrhundert. Dreißigjähriger Krieg. Spinoza.
Friedensberichterstatter jedenfalls einzig würde er nur mehr werden wollen, nicht Kriegsberichterstatter, hat Fritz Orter oft gesagt. Als Krisenberichterstatter nämlich die bestehenden oder beginnenden Konflikte öffentlich analysieren und die Menschen in den sicheren Staaten da hier rechtzeitig dafür interessieren, was sowohl dort in den gefährdeten wie hier in den stabilen im Guten getan werden kann, damit es nicht zu den Eskalationen und Bestialitäten kommt ‒ das, nur das würde er wollen. Genau das! Für Orter (wenn ich zu viel Nonsens verbreite, wird er mir das da hier heute öffentlich ja eh sagen) war das Geistige stets eine Überlebensfrage, die Musik, die Gedichte, Mozart. Die Gedichte eben auch dafür gut, dass die Fassung und der Halt nicht verloren gehen und dass alles wesentlich wahrgenommen und gesagt werden kann und kurz und genau und schnell, geistesgegenwärtig eben. Beruflich und vor Ort und verantwortungsvoll inmitten der Realitäten. Zitat Orter: Die Zerstörung der Vernunft nicht zulassen, darum geht es. Ob’s geht, ist eine andere Frage. Gleichzeitig und ungleichzeitig geschehe alles, und alles wiederhole sich, an jeweils verschiedenen Orten oder sogar an denselben. Dennoch: Was im Journalismus, Zitat Orter, fehlt, ist, dass Entwicklungen, Fehlentwicklungen, vorzeitig und rechtzeitig benannt und berichtet werden, was ja durchaus möglich wäre. Es ist ja zu durchschauen und man kann es kapieren. Der Kriegsjournalismus müsse präventiv und prophylaktisch sein und werden, Friedensarbeit eben. Seine Weise der Berichterstattung habe er immer als Menschenberichterstattung verstanden. So Hilfe zu ermöglichen mitversucht. Eine Dokumentation vom Sinn wollte Orter auch einmal herstellen, handelnd davon, wie die Schicksale waren und sind. Was aus den Menschen wurde. Zum Beispiel der Mann, der im Haus zu verbrennen drohte. Weil das Kamerateam, Orters Kamerateam, filmte, wurde dieser Mann von den örtlichen Einsatzkräften gerettet, sonst hätte man ihn verbrennen lassen. Oder zum Beispiel ein Kind mit weggefetzten Beinen, der Vater hat es in den Armen gehalten; infolge der Anwesenheit des Kamerateams und infolge des Nachrichtenberichts wurde der Bub ausgeflogen und behandelt und lebt. Und auch hat gerade die Ortersche Berichterstattung aus Rumänien während der Revolution, vor allem aus Temeswar, dazu beigetragen, dass damals die österreichische Rumänienhilfe möglich und hilfreich war und blieb. Was in Afghanistan geschehen wird, wenn die Amerikaner abziehen, hat er Jahre vor jetzt benannt; wie die einen wegkönnen, die anderen nie und nimmer. Und das permanente und irgendwie korrupte Nachgeben des Westens Putin gegenüber hat Orter tatsächlich stets als unerträglich schweren Fehler erachtet. Die Ukraine z. B. 2015, den eingefrorenen Krieg, hat er mit Verlaub auch ziemlich erklärt. Zitat Orter, Auswege-Gespräch anno 2015: In der Ukraine geht es […] um die Flottenverbände auf der Krim. Das ist der einzige eisfreie Zugang. [Obwohl die Russen die Krim ohnehin schon okkupiert haben, ist deshalb kein Friede], weil sie einen Korridor brauchen, und der geht durch die Ukraine. Die Truppen auf der Krim müssen ja versorgt werden. Das geht nicht andauernd per Flugzeug. Und der NATO-Westen will natürlich amerikanische Politik umsetzen. Die Amerikaner wollen die einzige Weltmacht bleiben. Sie ziehen 40 % ihres Militärpotentials wegen China im Pazifik zusammen, den Rest vor dem russischen Korridor. Und im Kosovokrieg ist es ebenfalls in höchstem Maße um die militärischen Interessen gegangen. Zitat Orter: Kosovo ist die größte NATO-Basis in Südosteuropa. Die Einflussmacht der Russen soll verringert und verhindert werden. Das Aufeinanderprallen der Russen und der USA war da durchaus gefährlich. Damals sind dort völlig unerwartet russische Truppen gelandet … Der damalige Kommandant der NATO hat gesagt, wegen der paar russischen Soldaten riskiere ich keinen Krieg. Vor einem Dritten Weltkrieg hat Orter, glaube ich, immer irgendwie Angst. (Hugo Portisch hatte die bekanntlich auch.) Einmal auch hat die Tochter des Arztes, der nach dem Attentat von Sarajevo auf den österreichischen Thronfolger diesen zu beschauen hatte, Orter den Dritten Weltkrieg prophezeit. Der Krieg verändere die Menschen völlig, und das mache ihm, Orter, Angst. Seine Arten von Befürchtungen und Sorgen hat er, kommt mir vor, stets offen und mutig benannt, hat auch gesagt, ohne Angst sei man in Gefahr, wirklich umzukommen. Und wie das ist, wenn mitleidlos schreckliches menschliches Leid im Fernsehen nicht gezeigt werden darf, um ja das Publikum nicht zu schockieren oder der Politik wegen; und dass reklamepsychologisch andererseits die Not und Furcht das Publikum verwirrt und hilflos und dadurch gierig macht nach den Werbeblöcken und dem Geld und dem Kaufen, weil ja Konsumieren die Aufregung stillt, hat er in etwa auch gesagt.
Warum gibt es in der Schule kein Unterrichtsfach, das Helfen heißt, und warum im Fernsehen kein Friedensprogramm? In der Schule ein Lernfach, das Helfen heißt, und im Fernsehen ein paar Stunden pro Woche ein Friedensprogramm! Auf jedem Sender die Analysen, was man wo tun kann, und in jeder Schule Helfen als Pflichtfach für da hier. Und endlich ein rechtzeitiges, präventives Sozialstaatsvolksbegehren zur Sicherung der Grundversorgungen, eine präventive Sozialstaatsbewegung zur Versorgungssicherheit, darum ist es gegangen, seit Jahren, Jahrzehnten. Ums rechtzeitige österreichische Sozialstaatsvolksbegehren wie gesagt und ums Helfen als rechtzeitiges Schulpflichtfach und um ein rechtzeitiges permanentes Friedensformat im ORF. So viel wäre erspart geblieben! So viel! Alles wäre einfach gewesen. Ganz einfach war’s. Ist’s immer noch, kommt mir vor. Zum ersten Mal wurden die Ideen fürs Helfen als Schulpflichtfach und für ein fixes wöchentliches Friedensformat im öffentlichen Fernsehen und für ein Wiederholen des österreichischen Sozialstaatsvolksbegehrens als Sicherung der Grundversorgungen so spätestens 2015 unter die Leute gebracht. Und zwar in Graz, im Bezirk Gries, in der Pfarre St. Andrä, im St.-Andrä-Saal, beim Herrn Pfarrer Glettler. Die Veranstaltung hieß Vom Helfen und vom Wohlergehen oder Wie die Politik neu und besser erfunden werden kann. Um die Auswege ging es und der Saal war voll bis hinaus in den Garten und das Publikum die Nachtstunden lang angetan und guter Dinge. Genützt hat das Ganze à la longue nix. Damals waren auf dem Podium Werner Vogt, Markus Marterbauer, Fritz Orter und moderierend die Arbeits- und Arbeitslosigkeitssoziologin Johanna Muckenhuber von der Denkwerkstatt Graz, und ich war auch mit von der Partie. Z. B. Vogt fehlt heute, aber dafür ist Thurnher da. Der ist auch gut für die Nerven. Meine z. B. Der erinnert mich ja wirklich wahr mit seiner Zeitung oft an den Friedrich Schiller. In Schillers Briefen und in der Schaubühnenschrift und im Lied von der Glocke steht, kommt mir halt vor, es gehe zuvorderst stets darum, zustande zu bringen, eine Welt in der Welt zu sein. Des Weiteren sichtbar zu machen und zu erweisen, was alles auf dieser Welt sehr wohl veränderbar ist; z. B. dadurch, dass diejenigen, deren man ansonsten nicht habhaft wird, öffentlich doch zur Rechenschaft gezogen werden. Eine Welt in der Welt sein. Bei Pierre Bourdieu, wer immer das war außer der zu Lebzeiten angeblich meistzitierte Menschen- und Wirklichkeitswissenschaftler der Welt, steht das auch, so irgendwie halt. Wie beim Schiller eben. Oder im Falter beim Thurnher. Eine Welt in der Welt sein.

2. Runde
Einleitend Leitner. Anschließend Markus Marterbauer (Leiter der Abteilung Wirtschaftswissenschaft und Statistik der AK Wien): Ängste nehmen, Sicherheit geben, Hoffnung wecken: Emanzipatorische Wirtschaftspolitik; Sabine Platzer-Werlberger (Landesgeschäftsführer-Stellvertreterin des AMS Tirol): Praxisbericht Arbeitsmarkt ‒ schon wieder alles wie vor der Krise?

Egon Christian Leitner: Was jetzt, was tun?
Man, also beispielsweise ich, soll, wenn ich keinen Ausweg zu nennen weiß, ganz einfach bloß nur still sein, damit durch mich die zurzeit ohnehin herrschende allgemeine Verwirrung nicht noch größer wird, hat Bert Brecht kurz und in etwa gedichtet. Obgleich, sehr verehrte Damen und Herren, ich mich an das zu halten versuche, was Brecht da angeraten hat, werden Sie die von mir im Laufe des heutigen Nachmittags und Abends des Weiteren offerierten Auswege vielleicht für Schnickschnack, Wischiwaschi, Blablabla und für Schade-um-die-Zeit in solch schrecklicher Zeit erachten. Ich gebe Ihnen gegenüber, sehr geschätzte Damen und Herren, sicherheitshalber hiermit sofort zu, dass ich äußerst seltsame Faibles habe. Für Grisu z. B. und für Waluliso auch. Und für die Marx-Brothers. Ich halte die alle für Auswege. Die Marx-Brothers z. B. sind immer geistesgegenwärtig, lassen sich nichts gefallen, halten zusammen, drehen den Spieß stets schnell um, sind jedes Mal trotz allem sofort wieder obenauf und unbeschadet. In der Realität freilich hatten die Marx-Brothers stets Angst, wieder so arm zu werden, wie sie es gewesen waren. Zurückzustürzen ins Elend von früher. Einen Film von ihnen gibt es, da lehnt, wenn ich mich richtig erinnere, gleich am Anfang einer von denen an einem Haus und der andere sagt zu ihm, es schaue so aus, als ob der das Haus halte, und der Haushalter geht daraufhin weg und das Haus fällt wirklich um. Kann auch sein, der andere hat zum Haushalter gesagt, er brauche das Haus nicht zu halten, es falle nicht um. Jedenfalls fällt das Haus um. In einem anderen Marx-Brothers-Film wird einem Politiker ein Finanzbericht gezeigt und der versteht den nicht und daraufhin wird zu ihm gesagt, jedes vierjährige Kind versteht dieses Finanzgebaren, und daraufhin sagt der Politiker ‒ der Staatspräsident ist der ‒, man solle auf der Stelle ein vierjähriges Kind in die Staatskanzlei holen in die Kabinettssitzung, damit es ihm die Finanzen erklärt. Angeblich gibt’s diese Szene auch in der Variante, dass ein hochrangiger Militär einen kinderleichten Stabsplan nicht versteht und daher ein dreijähriges Kind um Hilfe ruft, damit es ihm das Problem löst. Und Grisu, der kleine, liebe, hilfsbereite, menschenfreundliche Drache in den Zeichentrickfilmen will bekanntlich unbedingt Feuerwehrmann werden und ist fleißig bei jeder Arbeit und in jedem Beruf, den er auf Empfehlung und durch Vermittlung eines wohlwollenden alten adeligen Ehepaares freudig beginnt. Er speit jedoch plötzlich Feuer, wenn er sich zu sehr aufregt, z. B. ärgert. Mir kommt vor, wenn er sich sehr freut, auch. Er ist eben immer schnell guter Dinge und voller Zuversicht und Vertrauen. Und dann brennt es aber immer und er wird also niemals Feuerwehrmann werden können. Aber er gibt nicht auf. Fängt immer wieder mit allem neu an. Völlig unbefangen ist der und er scheitert und scheitert und fängt aber neu an. Kann und will nicht anders. Muss. Die Grisu-Zeichentrickserie soll angeblich nicht allein für Kinder, sondern auch irgendwie sozialpolitisch gedacht gewesen sein. Grisu übrigens heißt übersetzt Schlagwetter. Das sind in den Bergwerken die gefährlichen Methankonzentrationen, von denen man Kopfweh bekommt oder die auf einmal explodieren. Waluliso halte ich wie gesagt auch für einen Ausweg. Der alte Wasser-Luft-Licht-Sonne-Mann mit dem Lorbeerkranz, der weißen Leintuchtoga, dem Stab und dem Apfel hatte in Wien eine Wohnung von 9 m2 und eigentlich kein Geld, aber das verschenkte er einmal auf der Straße an Passanten, gegen die Politikerkorruption tat er das, und Friiieede hat der auch immer gesagt zu den Leuten und nach Genf und Moskau ist er gefahren zwecks Frieden und ausländischen Staatsmännern auf Besuch in Wien hat er die Hand geschüttelt und Frieden gewünscht und die Lobau hat er geschützt, und den Rest und den Anfang seines Lebens habe ich vergessen. Der kleine Drache Grisu, die Marx-Brothers und Waluliso – lauter Auswege. Ich meine das ernst. Den biophilen Erich Fromm sowieso. Ohne ihn wäre, wie Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren vielleicht ohnehin bekannt, Milgram (so sagte Milgram es selber und war dem Fromm ein Freund) niemals auf die Idee zu seinen Milgram-Experimenten gekommen. Und Objektivität war für Erich Fromm die Bereitschaft, Fähigkeit und Fertigkeit, nicht zu entstellen, Menschen nicht und Sachverhalte nicht. Und lieben war für ihn irgendwie wie sich konzentrieren können.
Die Schulen jetzt da hier. Und wie jetzt da hier gelernt wird und dass es ja in einem fort drunter und drüber geht und die Kinder und die Lehrer und Lehrerinnen nicht aus und nicht ein wissen infolge der bedrohlichen Seuche und der Regierungsmaßnahmen dagegen und aufgrund der Zumutungen und der Überforderungen und der Unterforderungen …!!! ‒ Der Bub, der in der Schule als dumm beurteilt wurde, aber in Wahrheit immer Hunger litt (infolge der Weltwirtschaftskrise der Zwischenkriegszeit), als der dann erwachsen war, war der selber von Beruf Lehrer und hat Kindern und Erwachsenen das Lesen beigebracht. Binnen 8 Wochen konnten die in der Folge die Zeitung lesen. Von Null auf Hundert kamen die mit seiner Hilfe. So ein Lehrer war der! Wenn ein Mensch schweres Unrecht erleide, sei dies für diesen Menschen wie der totale Zusammenbruch der Welt. Der Mensch verzweifle dann in der Trostlosigkeit oder werde fanatisch und zerstörerisch, sagte besagter Lehrer auch. Oder wenn ein Mensch in so etwas hineingeboren werde und so aufwachse. Und dass es eine Dritte Welt in der Ersten gebe und eine Erste in der Dritten. Denn die kleinen, chancenlosen Leute überall auf der Welt gleichen einander und die Eliten gleichen einander ebenfalls. Die Eliten halten sich selber für großmütig, wohltätig, hilfsbereit, fleißig, hochintelligent und hochmoralisch; die kleinen Leute hingegen gelten ihnen als undankbar, unbegabt, faul, unehrlich und als von Natur aus unterlegen und als nun einmal genetisch minderwertig im Vergleich. Genannter Lehrer hieß Paulo Freire und der hat befunden, dass das Lernen wirklich am wichtigsten ist im Leben. Für jeden Menschen nämlich sei Lernen Leben, Leben-Können. Vornehmlich ums jetzt dann endlich einmal Leben-Können eben gehe es beim Lernen, ums Freikommen, Rauskommen, ums Einander-und-sich-selber-helfen-Können, ums Liebhaben-Können, Liebenlernen! Jede glückende politische Bewegung sei eine Lernbewegung solcher Art. Das Christentum zum Beispiel sei eine sehnsuchtsvolle Lernbewegung genauso wie die Demokratie. Jede Sozialbewegung eben sei solch ein Lernversuch, den Hass, die Enge, die Angst, die Zwänge und die Feindschaften und das Herrenmenschentum auf der Stelle loszuwerden, wo und wie nur irgend möglich.
Freire war selbstverständlich ein Revolutionär, zugleich war er dem Karl Popper irgendwie zugetan, sozusagen eine Art Popper-Versteher, zugleich aber lernte er vom linken Erich Fromm und vom linken Antonio Gramsci und zugleich von Martin Buber und von Karl Jaspers und so fort. Freires systematische Methode war wie gesagt die Lebenswichtigkeit, das wirkliche Gespräch, der wirkliche Dialog mit dem Du da hier jetzt, die existenzielle Kommunikation, die Liebe zum Leben und die Sehnsucht danach und die Hoffnung darauf. Das jeweils Lebenswichtige sei das jeweils Wertvolle, das jeweils zu lernen sei. Das Lebenswichtige und Wertvolle zu lernen gehe leicht und schnell. 6 bis 8 Wochen. So hat das Freire praktiziert, ist dafür politisch verfolgt worden und vertrieben. Geehrt freilich auch. Da hier wohl auch. Dann war’s aber, kommt mir vor, wieder futsch da hier und war man, offene Gesellschaft hin, offene Gesellschaft her, wieder ahnungslos. Seit Jahrzehnten nämlich hätte man da hier anders lernen und unterrichten können auch mit Freires Hilfe. Aber man hat, wette ich mit Verlaub und ohne wirkliche Übertreibung, in den öffentlichen Schulen in den letzten 20, 30, 40 Jahren kaum seinen Namen genannt oder gar buchstabiert. Im Lehrplan stand Freire jedenfalls gewiss nicht. Lesen, Rechnen, Schreiben in 6 bis 8 Wochen und so fort. Mathematik, Sprachen, Naturwissenschaften ‒ lauter Kreativfächer mit dem intensiven Hang zum Wesentlichen, nämlich zur Lebhaftigkeit, Wirklichkeit und Hilfsbereitschaft, so sähe es aus da hier jetzt, nähme man Freire in den Lehrplan auf. Die Nerven wären auch besser. Die Nerven wie gesagt scheinen mir das Wichtigste. Apropos Nerven: Zwischendurch fand Freire, gestorben in etwa um die Jahrtausendwende, Unterkommen bei Ivan Illich in Mexiko. Just wie Erich Fromm. Freunde waren die, der Illich, der Fromm, der Freire. Haben die politische Welt ziemlich ähnlich empfunden. Als entfremdend und zukunftszerstörend. Als apokalypseblind. Und das gesamte Geschehen als verheerend. Illich sah das viel gepriesene Schul-, Gesundheits-, Verkehrs- und Kommunikationswesen so. Überall herrsche der Schein von Überfluss, in Wirklichkeit jedoch permanenter Mangel und eine hilf- und schutzlos machende Abhängigkeit. Wegwerfleben statt Leben. Sowohl der Sozialstaat mit all seinen Errungenschaften und Einrichtungen als auch die Zivilgesellschaft samt Grün- und Sozialbewegungen werden, so Illich, von Markt und Geld und Automatentechnik verschluckt und dadurch zu ihrem eigenen Gegenteil. Gehen auf diese Weise kaputt und machen gar kaputt. Illich war stattdessen für Freundschaften. Fürs ganz selbstverständliche, freundschaftliche, einfallsreiche, hilfsbereite Zusammenleben von Mensch zu Mensch: ein jeglicher vom anderen lernend, was wie bewerkstelligt werden kann, wo und wann, um der jeweiligen Not zu entrinnen. Ums Rechtzeitig-da-Sein ging es Illich und ums Rette sich, wer kann. Viele übrigens von denjenigen Leuten, vor allem Frauen, die beizeiten, nämlich wiederum seit Jahrzehnten, vor der Drittweltisierung, vor der Verdrittweltlichung, der Ersten Welt vehementest gewarnt haben, haben nicht zuletzt von oder bei Erich Fromm, Ivan Illich und Paulo Freire gelernt, die elendigen Dritte-Welt-Zustände inmitten der Ersten Welt öffentlich klar zu benennen. In der Jugendfürsorge und in der Pflege z. B. Die Sozialstaatsdefekte somit. Die geschlossene Gesellschaft eben mitten in der offenen.
Durch das Reden, sehr verehrte Damen und Herren, ersparen wir uns das Sterben. Wir lassen da nämlich unsere falschen Sätze, unsere falschen Ideen, an unser statt untergehen. Sind wie Affen, die von Baum zu Baum springen; ist der Satz, den der Affe tut, falsch, dann ist der Affe auf der Stelle tot oder bald. Für Karl Popper ist das die Funktion der Sprache. Reden erspart Leid. Könnte. Die falschen Sätze herauszufinden, sozusagen das Leben durchzuprobieren, indem wir von ihm berichten, erspart uns und den anderen Leid und Tod. Der Vergleich, die Analogie, kommt, genau gesagt, von Theoretischen Biologen, Evolutionsbiologen und Gehirnforschern rund um Popper. Um Fehlerkultur geht es jedenfalls bei Popper. Im Reden und Denken probieren wir versuchsweise Wirklichkeiten aus. Durchs bewusste Durchprobieren, bewusste kreative Fehlermachen, bewusste Fehlersuchen überleben wir selber und helfen anderen, dass sie überleben können. So verstehe ich den heutigen Nachmittag und Abend. Die Veranstaltung da hier. Der Begriff der Offenen Gesellschaft genauso wie der der Verschwörungstheorie stammt ja von Popper. Ebenso, jedoch unbekannt und nahezu ungebraucht, der wichtige Begriff Grausamkeitsverbot. Worüber öffentlich zumeist ebenfalls nicht geredet wird, ist Poppers besagte Fehlerkultur. Diese Fehlerkultur ist aber wesentlich für die offene Gesellschaft in Poppers Sicht.
Seit den 1970-er Jahren experimentiert der KI-freundliche Katastrophen- und Kognitionspsychologe Dietrich Dörner intensiv und konsequent, um die jeweiligen politischen, technischen, ökonomischen Entscheidungseliten durch Computersimulationen zu schulen und vorstellungsfähiger und wirklichkeitstauglicher zu machen. Auf dass politische, technische, ökonomische Unfälle, Debakel, Desaster verhindert werden: Das Dörnerexperiment 2 betrifft ein fiktives Entwicklungsland namens Tanaland, das Dörnerexperiment 1 die fiktive kleine deutsche Stadt Lohhausen, das Dörnerexperiment 3 ist das reale Tschernobyl. Den Versuchspersonen wird jedwedes Know-how und Machtinstrumentarium, sogar das von Ausnahmezustand und Quasidiktatur, zur Verfügung gestellt. Aber nahezu alle Versuchspersonen sind den Situationen, Strukturen, Zwängen, Zusammenhängen, Geschwindigkeiten, Abläufen nicht gewachsen und zerstören unerbittlich das, was sie aufbauen oder retten sollen. In den 50 Jahren der Dörnerexperimente hat sich daran nicht viel geändert. Weitergemacht wird, egal, wie es den überantworteten Menschen dabei ergeht. Die z. B. für die Entwicklungslandbewohner lebensbedrohlichen, quälenden Interventionsfolgen wurden vom Computertäter als notwendige Durchgangsphase deklariert. Die Versuchspersonen agierten ziemlich brutal, egal, ob sie männlichen oder weiblichen Geschlechts waren. Je gefährlicher die Situation wurde, je mehr warnende Informationen, negative Rückmeldungen die es gut meinenden, immer nervöser werdenden Computertäter bekamen, umso brutaler agierten sie und fanden gute Gründe für ihr eklatant falsches, großen Schaden stiftendes Vorgehen. Falls Sie sich wundern, sehr geehrte Damen und Herren, warum in den 2 Jahren Corona-Politik nie von den Dörner-Experimenten öffentlich die Rede war, ich kapier’s auch nicht. Denn die Dörnerexperimente gehören ja doch zum Grundwerkzeug der Komplexitätsforschung samt Modellierern. Und jetzt angesichts des Ukraine-Krieges und dessen Folgen ist auch nie von den Dörner-Experimenten die Rede. Die Evolutionsbiologen rund um Popper und Konrad Lorenz haben sehr wohl öffentlich auf die Dörner-Experimente hingewiesen. Seinerzeit. Namentlich der hochangesehene österreichische Meeresbiologe und Wissenschaftsorganisator Rupert Riedl. Der holte seinen Lehrer Konrad Lorenz raus aus dem rechten Eck und war überhaupt ein ansteckend gut gelaunter Sunnyboy. Z. B. das Peter-Prinzip hat er deshalb fast genauso gern öffentlich erklärt wie die Dörner-Experimente und auch weil er gewaltige Zweifel an den Hierarchien, Politikern, Expertokratien, Routinen und Bürokratien hatte. Nicht allein den österreichischen. Das Peter-Prinzip besagt ja in etwa, dass fast immer ein bisserl zu hoch aufgestiegen wird in der Karriere und dann ist man dort eben inkompetent und fehl am Platz und stiftet als Führungskraft Schaden oder beschäftigt sich günstigstenfalls nur mehr mit lateralen Arabesken. Das Interessante am Peter-Prinzip ist das bekannte Gegenmittel, nämlich das Beispiel einer beliebten, in sich ruhenden Lehrerin, die partout nicht aufsteigen wollte, obwohl sie zumindest Direktorin hätte werden können. Stattdessen hatte sie einfach nur zu unterrichten im Sinn, Kinder unterrichten. Sie soll eine Lehrerin, Volksschullehrerin, gewesen sein, der die Kinder ein Leben lang dankbar waren, weil sie nirgendwo später so viel Hilfe erfahren und so leicht und so schnell so grundlegende, wichtige Fähigkeiten erworben und entwickelt haben wie bei dieser einen Lehrerin. Solche Ideen also hat Rupert Riedl, der Popper-affine Lorenz-Mitarbeiter, unter die Leute gebracht. Sozusagen Kompetenz statt Hierarchie. Und die österreichische Sozialpartnerschaft hat Rupert Riedl als weltweites Vorbild und als Großtat der Evolution erachtet und deklariert. Der Wiederaufbau des Menschlichen heißt eines von Riedls Büchern. Lorenz selber hat auch oft Lustiges gesagt, z. B. dass endlich, schnellstens und für alle Zukunft gelernt werden müsse, dass man goldene Nockerln nicht fressen kann. Gegen die Ökonomen ist das meines Wissens gegangen. Übrigens hat Lorenz als Mensch bekanntlich umgelernt infolge von Hainburg und sich bei den demonstrierenden Jugendlichen entschuldigt und bedankt. Zuvor hatte er demonstrierende Jugendliche nicht ausstehen können. Im Gegensatz zu Rupert Riedl. Soviel meinerseits ernstgemeint zu Popper und den Popper-Anhängern von anno dazumal als Ausweg für da hier jetzt. Den Pierre Bourdieu, den heute bereits erwähnten, meine ich auch ernst, zumal, was die Wenigsten wissen, sein politisches EU-weites Vorhaben einer Sozialcharta samt gebündeltem Netzwerk der Sozialbewegungen mit dem österreichischen Sozialstaatsvolksbegehren 2002 konvergierte. Letzteres da hier war sogar weiter gediehen und realitätsnäher als Bourdieus Projekt. Kooperationen zwischen den französischen und den österreichischen Akteuren waren außerdem begonnen worden und ziemlich fortgeschritten. Bourdieus plötzliche Erkrankung und sein Tod dann 2002 haben das Ganze aber zunichte gemacht. In respektive durch Bourdieus Das Elend der Welt erzählen Menschen einander ihre Leben, und zwar vom Bauern bis zum Gewerkschafter, von der Polizistin bis zur Postangestellten, vom Weinhändler bis zum jungen baldigen Neonazi, vom Migrantenbuben und dessen Hausmeister bis zur kleinen Geschäftsfrau oder kleinen Politikerin oder bis zum Richter oder Journalisten oder Sozialarbeiter oder bis zum Autoschlosser in der riesigen Fabrik oder bis zum Versicherungsvertreter oder bis zur Lehrerin oder zum Schuldirektor oder zur Frauenhausleiterin und so weiter und so fort. Und jeder Mensch soll, bitte (so war das gedacht), ihr oder sein eigenes Leben dazu erzählen oder dagegen. Soviel zu Bourdieus Demokratiemethode, Solidaritätsmethode, Friedensmethode. In Graz wurde eine Kreisky-Preis-prämierte Studie nach genanntem Das Elend der Welt-Vorbild frauengeleitet durchgeführt. Zirka 20 Jahre ist es her. Jetzt gibt’s ja infolge von Corona Ähnliches wieder in Hamburg. Frauengeleitet. In Graz die Leiterin hieß Katschnig-Fasch. Und mit ihrer Freundin, der inzwischen leider ebenfalls verstorbenen feministischen Philosophin Elisabeth List, zusammen hatte ich – sie und ich zusammen hatten wir die Idee zu einem Hirngrenzenwörterbuch. Als Verständigungshilfe von Mensch zu Mensch, Menschengruppe zu Menschengruppe. Ein Habitus-Wörterbuch. Bei Bourdieu eben bedeutet Habitus ja so viel wie die Hirngrenzen eines jeweiligen Menschen, aus denen er nicht herauskann; seine Denk-, Wahrnehmungs-, Empfindungs-, Gefühls-, Werte- und Handlungsschemata, in denen er eingesperrt ist. Worden ist. Halb spaßig, halb ernstlich hatten wir eine Art handliches kleines Habitus-Wörterbuch à la Fremdsprachen-Langenscheidt im Sinn; eine jederzeit greifbare verlässliche Übersetzungshilfe, ein Bestimmungsbuch, Menschenbestimmungsbuch. Da sollte (anno 2000 hatten wir die Idee) gleichsam drinnen stehen, was ein Mensch denkt, empfindet und so weiter, und aber eben auch das, was er nun einmal nicht kann, und aber eben auch das, was er sich wünschen würde. Das einem Menschen Zumutbare also und das ihn Überfordernde sollen drinnen stehen. Mit diesem Menschenbestimmungsbuch könnte man ansonsten Schicksalhaftes wirkungslos und unschädlich machen. Die sozialen Bestimmungen eben mit all den Folgen, Situationen, Abläufen, Zwängen, Gewalttätigkeiten, erlernter Hilflosigkeit. Besagtes Habituswörterbuch solle aber ja elementar und klein gearbeitet sein und z. B. sowohl für Zugewanderte als auch für Hiergeborene. Und eben ja ganz konkret gegen die konkreten Missverständnisse, Probleme und Konflikte zwischen den verschiedenen Schichten, Milieus, Klassen gut soll es sein, das Wörterbuch. Interkulturell wie gesagt sowieso. Aber eben innerhalb der eigenen Kultur solle es auch interkulturell sein, weil ja z. B. jede Schicht, jedes Milieu irgendwie eine eigene Kultur hat und ist. Eine Art kleine Fibel für den Elementarunterricht und als Art österreichisches Wörterbuch, Schulwörterbuch, für den alltäglichen zwischenmenschlichen Gebrauch. Als Handreichung eben gegen zwischenmenschlichen Schmerz und Stress. Ein Wörterbuch der gegenseitigen und erlernten und aufgezwungenen Hirngrenzen wie gesagt. Die Grundforderung des legendären Soziologen Norbert Elias ist das irgendwie und bekanntlich, nämlich: Zitat Elias: Wir haben nur eine Aufgabe: mit Menschen freundlich zu leben. Ein Friedensbuch wäre das jedenfalls gewesen, das Hirngrenzenbuch Anfang dieses Jahrtausends. Nix geworden draus, nicht gefördert. Alles vergessen und futsch. Ah ja, apropos Kreisky-Preis: Kreisky stand bekanntlich im Telefonbuch, und unabgehoben, wie er als Politiker wohl war, hob er den Telefonhörer auch wirklich ab. Die Leute riefen ihn in ihrer Not an, weil die Dachrinne kaputt war oder der Wohnungsschlüssel verschwunden oder das Auto abgeschleppt oder weil es ins Haus regnete oder weil der Hund krank war. Kreisky erwies sich tatsächlich für all das zuständig und hilfreich. Krank und betagt hat er dann einmal gesagt, er fürchte sich, wie das sein wird, wenn junge Politikergenerationen an die Macht kommen, die nicht wissen, was auf dem Spiel steht, weil sie die Not der Kriegs-, Zwischen- und Nachkriegszeiten und den wohltuenden Aufbau des Staates nicht selber am eigenen Leib erfahren haben. Und um Otto Neurath hat er fast geweint. Der sei immer so einfallsreich und so lustig gewesen. Warum gibt es solche Intellektuellen heute nicht mehr?, hat Kreisky gefragt. Neurath war bekanntlich derjenige Wiener-Kreis-Wissenschaftler, sozialdemokratische Politiker, Statistiker und Enzyklopädist, der immer mit einer Elefantenzeichnung unterschrieben hat. Manche sagen, wäre Neurath nicht 1945 im Exil gestorben, auflachend übrigens und an einem Herzinfarkt, hätte durch Neurath der österreichische Bildungs-, Kultur- und Wissenschaftsbetrieb einen völlig anderen Verlauf genommen. Einen Neurath für heutzutage hat sich Kreisky jedenfalls gewünscht und, wenn ich richtig verstanden habe, die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Dem Otto Neurath, unter anderem Spezialist für Kriegswirtschaft war der, würde gewiss viel zu solch einem bedingungslosen Grundeinkommen einfallen. Und er würde es, wette ich, realisieren. Worauf ich freilich hinauswill, Bruno Kreisky im Ohr und Hans Kelsen vor Augen, ist, dass die Erste und Zweite Republik auf dem empirischen Fundament von Krieg, Verheerung, Dauerkrisen, Qual, Zerstörung und Not erwachsen sind. All die lebhaften ebenso profunden wie verlässlichen grundlegenden Denkerinnen und Denker der Ersten und beginnenden Zweiten Republik sind heutzutage jedoch größtenteils und de facto in Vergessenheit geraten. Wie sie, selber leidgeprüft und existenziell, die gesamte, bald schreckliche, bald befreiende antike Ideengeschichte der westlichen Menschheit forscherisch aufarbeitend, dazumal ein Ausweg waren, sind sie ein Ausweg auch heute. Wette ich hiermit. Von den jetzigen verlässlichsten und grundlegenden Sozialstaatsökonomen einer ist Markus Marterbauer. Auf den wette ich hiermit auch.

3. Runde
Einleitend Leitner. Anschließend Fritz Orter (Journalist, Autor, langjähriger Friedens- und Kriegsberichterstatter des ORF): Kain, wo…; Elisabeth Rathgeb (Caritas-Direktorin der Diözese Innsbruck): Sozialer Friede ‒ wie bitte?; Vroni und Jussuf Windischer (auf ihre Initiative entstanden zahlreiche Sozialprojekte): Was uns verbindet ‒ über Grenzen hinweg.

Egon Christian Leitner: Was jetzt, was tun?
Als in der Stadt auf dem [großen P]latz die Demonstrationen stattfanden, damit das […] Kraftwerk nicht gebaut wird, fand sich, wenn einer gegen die Demonstranten redete, sofort jemand, der sie in Schutz nahm und die Beleidigungen und die Handgreiflichkeiten abwehrte. Die Leute nahmen einander damals wirklich in Schutz. Das beeindruckte mich. Ein Esel stand am […P]latzbrunnen und Stroh lag herum. Ein älterer Mann mit schneeweißem Haar packt ein junges Mädchen von hinten, drückt die junge Frau in die Richtung des Esels, als sie gegen das Kraftwerk reden will. Ein Esel bist du! Zum Esel gehörst du!, schreit er und stößt sie. Sie sagt: Sie sehen doch die Bilder in der Zeitung, was die Polizisten mit uns machen. In dem Moment packt sie der Mann nochmals. Ein Mann sagt zu dem Mann mit dem schneeweißen Haar, der solle sich schämen, fragt, was der tun würde, wenn seine Tochter von jemandem so behandelt und so beleidigt würde. So angegriffen, sagt er. Das solle der sich einmal überlegen. Eine Frau antwortet an dessen Stelle, es sei schon möglich, dass die Umweltschützer recht haben, aber der Mann mit den schneeweißen Haaren könne viel besser reden. Die jungen Leute da hier können nichts!! Gar nichts!!, sagt sie. Aus einer Pensionistengruppe, alte Gewerkschafter, ruft ein kleiner dicker Mann einer Frau etwas zu, als sie sagt, dass die jungen Leute hier sehr wohl sehr viel zustande bringen. Aufgetakelte Schlampe, schreit der dicke kleine Mann der Frau zu, grinst sie an. Die Frau zuckt zusammen. Halt deinen Schlampenmund, setzt der dicke kleine Mann nach, grinst dreckig. Die Frau kann sich nicht mehr aufrichten. Ein dicker Mann kommt ihr zu Hilfe, sagt etwas ihr zum Schutz und dann etwas gegen das Kraftwerk. Von den Gewerkschaftern schreit ihn einer an: Schäm dich, wie fett du bist. Ich würd’ mich schämen, hier was zu reden, wenn ich so fett wär‘ wie du. Wenn’s euch Ausgfressnen wirklich ernst wär’, würdet’s nicht da sein demonstrieren, sondern wäret’s draußen in der Au bei denen und würdet’s mit denen z’sammen die Au vollscheißen. Der Gewerkschafter neben ihm schreit: Die Au wollen’s schützen. Vollscheißen tun sie’s in Wahrheit. Ein anderer Gewerkschafter schreit: Dort kommt nie wer hin. Die wollen, dass dort nicht gebaut wird, obwohl dort nie ein Mensch hinkommt. Jetzt sind die dort und scheißen alles voll. Ein kleiner zierlicher Mann stellt sich dagegen, sagt: Ich bin Bauingenieur und gegen das Kraftwerk. Der Gewerkschafter, der die Idee mit dem Vollscheißen gehabt hat, schreit dagegen, das halbe Gesicht nur Zähne: Ingenieur bist du? Eine Schande bist du! So was ist Ingenieur. Schaut’s euch den an! So was ist Ingenieur! Der Ingenieur knickt ein. Die Gewerkschafter lachen alle. Ein alter Mann sagt, die Demonstranten müssen auf sich aufpassen, hier sei es wie 1934, es sei ihnen damals genauso gegangen. Er bekomme Angst. Ein junger Mann versteht den alten Mann falsch, sagt aufgebracht: Wir schreiben 1984. Lassen Sie uns endlich mit der Nazizeit in Ruhe. Der alte Mann entschuldigt sich, das sei ein Missverständnis, der junge Mann entschuldigt sich nicht. Nazischweine, sagt der junge Mann […] Ein paar Wochen später dann war ich mit Trixi beim Vortrag des Außenministers. Damals war er bloß Parteivorsitzender und er verspottete, dass der rote Parteivorsitzende, der damals der Kanzler war, Die Partei ist mein Leben. Ohne Partei bin ich nichts gesagt hatte. Der schwarze Parteichef erklärte im Hörsaal, wie es in Zukunft weitergehen werde; ich verstand nicht viel, weil seine Sätze am Satzende nicht mehr zum Satzanfang passten. Das ging unentwegt so. Ihm gefiel das aber, kam mir vor. Vor mir in den zwei Reihen saßen Burschen, drei und zwei. Bei irgendetwas von dem, was der schwarze Parteivorsitzende redete, bildete der eine von den zwei Burschen mit dem Daumen und dem Zeigefinger der rechten Hand eine Pistole, setzte sie einem Burschen vor sich ins Genick, drückte ab und sagte: Bumm, und der vor ihm schüttelte sich und stürzte im Sitzen nach vorne. Sein Kopf lag auf der Schreibbank, seine Arme hingen darüber. Der Mund stand offen. Die vier feschen Burschen lachten und der fünfte mit dem offenen Mund auch. Es war ein lehrreicher Vortrag. Burschenschafter die Burschen. Ich weiß nicht, wen und was sie gemeint haben. Auch kann man nicht immer etwas für seine Zuhörer […]

Die zitierte Stelle gibt Ereignisse aus den Jahren 1984/85 wieder und stammt aus dem Band Lebend kriegt ihr mich nie. Selbiger ist zugehörig dem Sozialstaatsschuber Des Menschen Herz, publiziert 2012.
Sodann: Ich zähle jetzt bis 3 und dann ist Frieden. Sozialstaatsroman letzter Teil, erschienen Frühjahr 2021. Auszug nun da hier aus dem Abschnitt Journal für aktuelle Ewigkeitswerte.

Tag, Monat, Jahr
Ich zittere oft, beim Frühstück zum Beispiel. Ich merke es selber nicht. Ich zittere ziemlich, wird mir gesagt. Mir ist nicht recht, wenn es jemand sieht und sich gar Sorgen macht. Ansonsten ist mir mein Zittern völlig egal. Manchmal fällt mir kurz das Trinken und Essen schwer, weil ich die Gegenstände nicht fassen oder halten kann. Aber das vergeht schnell. Beim letzten Mal, als ich auf diesen ganzen Blödsinn angesprochen wurde, sagte ich, das sei nicht Zittern, sondern ich schüttle mich vor Lachen. Meine Frau macht sich aber eben Sorgen. Ich mache mir wie gesagt wegen meines Zitterns überhaupt keine Sorgen. Wirklich nicht. Im Übrigen habe ich, was das Prinzip anlangt, jemanden, der herztransplantiert ist, sagen hören, das Getue der Leute um das Sterben gehe ihm auf die Nerven: Das Sterben habe ja doch in Wirklichkeit noch jeder zusammengebracht. Ich persönlich bin mir da nicht so sicher; ich war als Kind immer schlecht im Turnen in der Schule, stelle mir das Sterben vor wie den Geräteunterricht damals. Da hat man die peinlichsten Dinge tun müssen vor den anderen und ich wäre dabei vor Scham für das eigene Ungeschick ab und zu beinahe im Erdboden versunken. Habe bei den Leibesübungen ja sehr oft etwas nicht zustande gebracht; es kann also sein, dass mit dem Sterben nichts wird bei mir. Ich werde das genauso wenig können wie das Pferdspringen oder die Ringe oder die Rolle rückwärts oder die Seile. Ich würde folglich ewig leben müssen. Zu Tode zittere ich mich jedenfalls gewiss nicht.

Tag, Monat, Jahr
Die Regenwürmer in Brüssel wiegen alle zusammen 8.000 Tonnen.

Tag, Monat, Jahr
Bislang auf der Erde gelebt haben 110 Milliarden Menschen.

Tag, Monat, Jahr
Einer hat jahrzehntelang ein Naturtagebuch geführt über sein Eigentum. Im 18. Jahrhundert einer war das. In dem Naturtagebuch steht an einem Tag nur, dass es gehagelt hat, und an einem nur, dass der Schnee nicht mehr da ist, und an einem, dass die Wiesen abgebrannt sind, und an einem, dass eine bestimmte Blume jetzt gerade aufblüht, und an einem, dass es 22 Grad hat und dass das sehr heiß ist und alles ist so staubig, und an einem nur, dass da jetzt so viele junge Krähen sind, und an einem nur, dass das Morgenrot heute sehr kräftig ist, und an einem, wie fleißig die Regenwürmer sind, und an einem nur, wie die Kühe heute den Teich anschauten […]

Tag, Monat, Jahr
Ich bin so unwichtig, dass ich größenwahnsinnig werden könnt. Ist nicht von mir, sondern von Karl Kraus. (Zirka.)

Tag, Monat, Jahr
Ich kann nicht lustig schreiben, es passiert zu viel. Auch zirka von Kraus.

Tag, Monat, Jahr
Karl Kraus hatte etwas gegen die Leute, die ihn angelogen oder im Stiche gelassen haben.

Tag, Monat, Jahr
Ein Stück von Handke gibt es, in dem wird nur um Hilfe gerufen in einem fort. Das ist ein wirklich gutes Stück. Das gehört in einem fort aufgeführt.

Tag, Monat, Jahr
Was die Menschen miteinander reden, muss so sein, dass es sie beschützt.

Tag, Monat, Jahr
Die Wohnungen müssen so sein, dass sie die Menschen beschützen.

Tag, Monat, Jahr
Die Arbeitsplätze müssen so sein, dass sie die Menschen beschützen.

Tag, Monat, Jahr
Der Lebensunterhalt der Menschen muss die Menschen beschützen.

Tag, Monat, Jahr
Der Schlaf muss die Menschen beschützen. Die Menschen müssen gut schlafen können. Der Schlaf ist der Hüter des Lebens.

Tag, Monat, Jahr
Warum gibt es in der Schule kein Unterrichtsfach, das Helfen heißt, und warum im Fernsehen kein Friedensprogramm? Ein paar Stunden pro Woche. Auf jedem Sender die Analysen, was man wo tun kann, und in jeder Schule Helfen als Pflichtfach für da hier.

Tag, Monat, Jahr
[…] Warum wird nicht endlich – Herrschaftszeiten! – das präventive Sozialstaatsvolksbegehren wiederholt von 2002 (initiiert damals u. a. durch Frauenministerin Dohnal, den Volksschullehrer, Notfallchirurgen, Pflegeanwalt Vogt, den Ökonomen Schulmeister, den Theologen, Historiker Tálos)? Warum drücken sich SPÖ, ÖGB, AK, Armutskonferenz, Caritas, Diakonie, APO samt KPÖ permanent vorm Sozialstaatsvolksbegehren, verstärken so die Helferhilflosigkeit massiv, welche die Folge der Defekte und Defizite des Sozialstaats ist. Z. B. der Pflegenotstand in Wahrheit seit Jahrzehnten […] Meine Erklärung des unsolidarischen Desasters, roten, (grünen) wie christlichen: der geschäftliche Konkurrenzkampf.

Tag, Monat, Jahr
Geo-Engineering: Man rettet das Weltklima mittels Weltraumspiegeln gegen die Sonnenstrahlen und mittels Weltraumvorhängen aus Schwefel gegen die Sonnenstrahlung und mittels Meerwasserzerstäubern zum Zwecke von Regenwolkenbildung. Und man schüttet Eisen ins Meer, damit das Plankton das CO2 binden kann. So also hätte man das vor. Das Ganze kommt, glaube ich, aus der Kriegstechnologie.

Tag, Monat, Jahr
Der Anteil der Migranten am Bruttosozialprodukt beträgt 9 % und sie bringen 60 % mehr in die Staatskassa, als sie dem Staat kosten. Die behördlichen Zahlen für Italien sind das. Die österreichischen erfährt man nicht so leicht, jedenfalls weder aus dem österreichischen Integrations- noch aus dem Finanzministerium. Wären sie wesentlich andere als in Italien, also ein Minusgeschäft für die Republik Österreich, wären sie gewiss publik.

Tag, Monat, Jahr
Knigge war, im Gegensatz zu dem, was heute über ihn geredet wird, ein Aufrührer und Aufständischer. Deshalb hat er nicht lange gelebt. Zur Strecke gebracht haben ihn damals die Österreicher. Er war zweifellos ein Menschenfreund […] Nach seinem Tod ist der Originaltext seines Buches über gute Manieren sofort und auch später dann immer wieder von neuem in wichtigen Passagen von den jeweiligen Herausgebern zensuriert und umgeschrieben worden. Und zwar nicht bloß in den Zeiten der Könige, Adeligen, bürgerlichen Günstlinge des Hofs, sondern auch im 20. Jahrhundert in den westlichen Demokratien, desgleichen in den Staaten des realexistierenden Sozialismus.

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Knigges Lebensthemen waren zum Beispiel, wie man sich als einer unter vielen hilfsbedürftigen Menschen mit den Institutionen des Staates am besten ins Verhältnis setzt. Vor allem aber wie man das Ganze, das Insgesamt, das Außen und das Oben, die Politik eben, … übersteht. Er war erklärtermaßen ein zartsinniger Revolutionär. Das Gefühl für Takt und Höflichkeit nämlich hat er als Zartsinn bezeichnet. Die Österreicher wie gesagt haben Knigge erledigt. Der sogenannte Knigge, das Buch, ist ein Jahr vor der Französischen Revolution entstanden und hieß dazumal Über den Umgang mit Menschen. Die Kapitel … lauten z. B.: Über den Umgang mit den Großen dieser Erde oder Über den Umgang mit Eltern, unter Verliebten, mit Hauswirten, mit Schuldnern […]

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Ärzte, Juristen, Hofleute, Bauern, Abenteurer, Spieler, Gauner, Alchimisten, [Handwerker] – alle hat Knigge beschrieben. Er war bereits im Alter von 34 Jahren ein gebrechlicher Mann, vermochte trotz aller Widrigkeiten aber sehr viel. Zum Beispiel konnte er nähen und stricken, für sich selber und für seine Tochter, auch die Schuhe konnte er selber herstellen; und er komponierte Klaviersonaten und Fagottkonzerte, übersetzte Opernlibretti, z. B. welche von Mozart, und verfasste Satiren[…] Alles eben, was nur möglich war. Er stand zu diesem Zweck jeden Morgen um 5 Uhr auf […]

Tag, Monat, Jahr
Jede Minute stirbt eine Frau bei der Geburt ihres Kindes. Und jedes Mal, wenn wir mit den Augen blinzeln, verhungert ein Kind. Und 400.000 Kinder scheißen sich unter Krämpfen zu Tode, das ist die Zahl allein in Indien jedes Jahr. Alles Menschenwerk, nix Naturkatastrophe.

Tag, Monat, Jahr
Um das Verhungern abzuschaffen und den Hunger und diese Armut, bräuchte es eine kurze Zeit lang jedes Jahr 300 Milliarden Dollar. Obwohl’s eine Zeit lang jedes Jahr wäre, ist das nicht viel. Denn die USA z. B. geben jedes Jahr mehr für ihr Militär aus als 300 Milliarden, und 300 Milliarden sind außerdem weniger als 1 % des Welteinkommens jedes Jahr. […]

Tag, Monat, Jahr
Ich würde gerne wissen, seit wann die Vögel singen können. Angeblich konnte ja kein Vogel alleine singen, sondern die haben das voneinander gelernt. Zusammen immer einer vom anderen […]

Tag, Monat, Jahr
Vor Jahrzehnten habe ich gelernt, dass Kant beim Spazierengehen kleine tote Vogel gefunden hat, die aus ihrem Nest gefallen und verhungert und verdurstet waren. Ein Nervenzusammenbruch war die Folge bei Kant. Und dann der kategorische Imperativ.

Tag, Monat, Jahr
Einer sagt: Wenn das Klima eine Bank wäre, hätte man es längst gerettet.

Tag, Monat, Jahr
Die Idee, Politikern, die nicht korrupt sind, einen hochdotierten Preis zu verleihen. Auch, damit sie nicht korrupt werden müssen. International renommiert ist das Ganze.

Tag, Monat, Jahr
In Sarajevo wollte man einen Garten der Gerechten bauen zum Gedenken an Menschen in ganz Jugoslawien, die im Krieg ihren Feinden geholfen haben. Eine Herzspezialistin hat in einem fort solche Berichte gesammelt. Ich weiß nicht, ob es diesen Garten jetzt wirklich gibt.

Tag, Monat, Jahr
Damit Menschen einträchtig leben und einander hilfreich sein können, ist es nötig, dass sie einander sicherstellen, künftig nichts zu tun, was den anderen schädigen könnte. Eine Art Staatsdefinition ist das eigentlich. [Sozialstaatsdefinition.] Von Spinoza kommt die. 17. Jahrhundert […] Einander sicherstellen, künftig nichts zu tun, was den anderen schädigen könnte.

Tag, Monat, Jahr
Im letzten Lebensjahr war Karl Marx ein paar Wochen in Monte Carlo, ich weiß nicht, ob er dort im Kasino gespielt hat. Jedenfalls hat er in Monte Carlo gesagt, die Politik, die Staaten, die Regierung seien Kasinos. In Algerien war er im letzten Jahr dann auch, in Algier, […] damals ein Kurort der englischen besseren Gesellschaft […] Auf der Reise dorthin hat Marx zum ersten Mal in seinem Leben Europa verlassen und er hat damals gewusst, dass er bald sterben wird. Er soll auch ganz anders ausgeschaut haben, die Haare und der Bart waren weg und an ihm also gewiss nichts Löwenhaftes mehr. Auf der Reise damals soll er sich, wenn ich richtig verstanden habe, die Begriffe Börsencrash, Aktiengesellschaft, Spekulationsgewinne, Rohstoffbörsen wo aufnotiert haben. Das sollen damals ganz neue Wörter gewesen sein. Erfunden wird er sie aber nicht haben. Aber das Wort Kasinokapitalismus stammt, glaube ich, sehr wohl von Marx. Dass […] die Eliten des Staates [die] Kellner in [den] Kasinos seien, hat er zum Beispiel gesagt damals.

[Tag, Monat, Jahr
Einer sagt Wirtschaftsflüchtlinge. Eine sagt hierauf lebensbedrohliche Armut, lebensgefährliche Armut und einer über bei uns da hier, die Österreicher halt, arm, krank, tot. Einer erwidert: So ein Quatsch! Da kracht’s dann.]

Tag, Monat, Jahr
In unserer Welt erfüllt sich das Schicksal Gottes. Ein chassidischer Spruch ist das, ein kabbalistischer Spruch. Dass Gott ein preisgegebenes Wesen ist, heißt es dort.

Tag, Monat, Jahr
Eine junge Frau sagt: Das Problem sind die Computer. Die Menschen glauben dadurch, alles geht automatisch. [Oder gar nicht.]

Tag, Monat, Jahr
Der Gymnasiallehrer, demnächst 40 Jahre im Beruf, helfender Beruf, vier Fächer, sagt, die Probleme der Kinder werden von Klasse zu Klasse auf- und weitergeschoben und dass in der Schule und überhaupt der viele Schein den vielen Stress mache. Der viele Schein macht den vielen Stress, ist sein Lieblingsspruch.

Tag, Monat, Jahr
Die englischen Bomber [und amerikanischen], die deutschen Frauen, die im 2. Weltkrieg aus der Feuerhölle von Hamburg geflohen sind, im Gepäck, in den Koffern, Taschen in den Zügen ihre toten kleinen Kinder. Wie die Flüchtlinge heute. Die Frau aus Afghanistan, die auf der Flucht ihr Kind nicht selber begraben hat können, es anderen gegeben hat mit der Bitte, es beizusetzen. Die hatte ihr totes Kind tagelang in ihrer Tasche gehabt. Oder vor ein paar Jahren die Frau, die mit ihrem toten Kind zurückwollte, es daheim begraben. Von da hier dann zurückgeflogen ist, mit ihrem Mann zusammen, in der Tasche eben das tote Kind auch. Immer wenn die Freiheitlichen und die ÖVPler auf die Flüchtlinge schimpfen, fallen mir Hamburg und Dresden ein und z. B. die Sudetendeutschen, die dann ja eigentlich niemand haben wollte da hier. Mit den entsetzlichen Erfahrungen der flüchtenden Menschen damals, unserer eigenen, ist da hier jetzt den Freiheitlichen und den ÖVPlern jedes Mal zu antworten, bilde ich mir ein. Mit unseren eigenen Leuten muss man denen beikommen. Ich verstehe nämlich wirklich nicht, wie man dermaßen grausam sein kann da hier jetzt wie z. B. die Freiheitlichen alle, wenn ja doch die eigenen Familien kein Leben hatten und immer in Lebensgefahr und zerstört und heimatvertrieben waren und der letzte Dreck und man selber der ja auch […]

Tag, Monat, Jahr
Einer sagt: Es ist genug Geld da. Immer!

Tag, Monat, Jahr
In den antiken Bergwerken wurden die Bruchmeister, die ja selber Zwangsarbeiter waren, aber den anderen zu sagen wussten, wo trotz allem die Gefahr am geringsten und die Überlebenschance am größten ist und wie die Arbeit am einfachsten, leichtesten vorwärtsgehe, Philosophen genannt. Das war ein Arbeits- und Ehrentitel. Die Philosophen schützten […] anderen Menschen das Leben, indem sie wichtige Stellen, Linien, Verläufe und Zusammenhänge flugs erkannten und mitteilten.

Tag, Monat, Jahr
Die Christen haben das Orgelspiel [lange Zeit] verabscheut, denn in den [römischen] Arenen wurde die Orgel gespielt, während sie abgeschlachtet wurden.

Tag, Monat, Jahr
Die Mutzenbacher in meiner Bibliothek, [von da hier die Mutzenbacherin] 33.000 Männer, eine ganze Armee. Vom 7. Lebensjahr an oder weit früher, glaube ich; und als sie, schwer krank, schwer leidend, nach einer Operation stirbt, ist sie keine 40 Jahre alt. Je nachdem, wie man alles rechnet. Aber immer alles Österreich. Ein Gaudium eben. Was denn sonst? [Ah ja: Literatur, Cineastik, Kultur! Weltkulturerbe Kindesmissbrauch!]

Tag, Monat, Jahr
Die meisten Leute verwenden die Begriffe Helferhilflosigkeit & Helfersyndrom falsch. Jedenfalls nicht im Sinne des Erfinders. [Wolfgang Schmidbauer heißt der. Und 40, 50 Jahre alt ist die Erfindung.] In Schmidbauers Augen besteht das [Schlamassel, Fiasko] darin, dass die Helfer & Helferinnen ihre Probleme & die ihrer Einrichtungen, die Arbeitsprobleme, nicht benennen, weil sie als Einzelne & als Ganzes [öffentlich] perfekt sein müssen. Daher die Katastrophen.

[Tag, Monat, Jahr
Ich weiß, dass Folgendes wahr ist: Arm pflegt arm. Beide nagen physisch wie psychisch am Existenzminimum. Beide sind ausgesperrt, beide sind eingesperrt.]

Tag, Monat, Jahr
Die EU-Fahne hat 12 Sterne, weil 12 die Vollkommenheit symbolisiert.

Tag, Monat, Jahr
Die EU-Fahne ist der Mantel der Gottesmutter. [Das schöne Blau immer.]

Tag, Monat, Jahr
Eine Französin, die im KZ gewesen war, hat ein Lied des Friedens komponiert und an die EU geschickt als Vorschlag für die EU-Hymne. Die dort wollten die Frau aber nicht und nahmen stattdessen Beethoven. Bin mir gewiss, Beethoven selber hätte die Hymne der Frau aus dem KZ bevorzugt.

Tag, Monat, Jahr
So ist mir gesagt worden, so habe ich es gelernt, so ist es auch wahr: Der österreichische Sozialstaat verringert die Armutsgefährdung bei allen[(österreichischen] Haushalten von 43 % auf 12 %.

Tag, Monat, Jahr
So ist mir gesagt worden, so habe ich es gelernt, so ist es auch wahr: Europa exportiert nur 15 bis 30 % aus dem [europäischen] Binnenmarkt hinaus, 70 bis 85 % bleiben in der EU. Der globale Konkurrenzdruck ist daher weit weniger gewaltig, als behauptet wird, und das Lohn- und Sozialdumping sind keineswegs gerechtfertigt.

Tag, Monat, Jahr
So ist mir gesagt worden, so habe ich es gelernt, so ist es auch wahr: Wenn die Menschen gebraucht werden [von Wirtschaft und Industrie], [werden] Wirtschaft [und Industrie] dafür sorgen müssen, dass [die Menschen] Leben, Arbeit und Geld haben.

Tag, Monat, Jahr
So ist mir gesagt worden, so habe ich es gelernt, so ist es auch wahr: Der Sozialstaat ist die Idee der Menschenachtung, der Chancengleichheit, der […] Absicherung bei den großen Lebenskrisen, die Gefahrengemeinschaft. Nicht jeder gegen jeden, sondern […] wer braucht, bekommt.

Tag, Monat, Jahr
Fritz Orter, in 14 Kriegen Berichterstatter. In diesen hat er die Mörder, Schänder und Quäler immer und immer wieder dasselbe sagen hören, nämlich: Wer zu uns gehört, braucht keine Angst zu haben! Den bringen wir nicht um. Wir bringen nur die um, die uns umbringen. Denen ist egal, dass wir verrecken, also ist es uns egal, dass die verrecken. Mir kommt vor, damit ist das entsetzliche Problem benannt, zugleich aber die Lösung, Befreiung daraus. Durch Orters Beschreibung eben der Kriegspsychologie ist die Herstellbarkeit von Frieden sichtbar gemacht.

Tag, Monat, Jahr
Die [Reha-]Liste, soweit mir erinnerlich: die Wolken am Himmel anschauen & in der Nacht den Mond, mit Freunden zusammen sein, in einer schönen Landschaft sein, freimütig & offen reden, jemanden loben, jemandem Komplimente machen, helfen, in der Natur sein & ihre Geräusche & Klänge hören & die Vögel & einen Fluss sehen & durch einen Wald gehen, gebraucht werden, lachen, anlächeln, angeschaut werden, Rätsel lösen, herauskönnen immer & wohin können, Ruhe & Frieden haben, jemanden berühren, küssen, liebkosen, eine schwierige Aufgabe ausführen, eine Sache gut gemacht haben, gute Einfälle & Pläne haben & eine erfreuliche Wohnung & mit anderen Menschen glücklich sein, über etwas Gutes in der Zukunft nachdenken. Vorfreude kommt auch vor. Geliebt werden. Gegenwart spüren. Um Rat gefragt werden. Guten Rat bekommen. Der geliebte Mensch ist da für einen & man selber für ihn. Zusammen halt dass man ist mit dem geliebten Menschen. Blumen. Ausflüge. Die Liste hat mir gut gefallen. Find’ sie nimmer. Macht nix. Hab sie ja irgendwie intus […] Gute Liste. Vorher war mir sehr viel nicht recht. Aber das da passt jetzt alles. Ist o. k. Angenehme Erlebnisse. Heißt so [die Reha-Liste]. Sind’s. Kein Falsch. Kein Fehl. (Find ich.) [Nein. Nein! Das österreichische Sozialstaatsvolksbegehren fehlt. Europaweit fehlt’s. Blöde Liste.]

 


Egon Christian Leitner, geboren 1961 in Graz, Studium der Philosophie und Klassischen Philologie. Kranken- und Altenpflege, Flüchtlingshilfe. Bourdieu-Spezialist, lebt und arbeitet als freier Autor vor allem in Graz. Literaturförderungspreis der Stadt Graz 2013 und Literaturstipendium der Stadt Graz 2016, KELAG-Preis beim Bachmannwettbewerb 2020. Zuletzt: Ich zähle jetzt bis 3 und dann ist Frieden. Sozialstaatsroman, letzter Teil (Wieser 2021).